Aufzeichnungen aus dem Kellerloch

Text: Alexej Wdowin Übersetzung: Ruth Altenhofer11.11.2021

Die Beichte eines ehemaligen Sankt Petersburger Beamten und gleichzeitig eine philosophische Erzählung über die menschliche Natur, über Wünsche und Begierden und das Zusammenspiel von Vernunft und Willen

Wovon handelt dieses Buch?

Es ist die Beichte eines ehemaligen Sankt Petersburger Beamten und gleichzeitig eine philosophische Erzählung über die menschliche Natur, über unsere Wünsche und Begierden und über das Zusammenspiel von Vernunft und Willen. Im ersten Teil diskutiert der Held, ein namenloser „Mensch im Untergrund“ mit phantasierten und realen Opponenten, sinniert über die tiefen Gründe menschlichen Verhaltens, über Fortschritt und Zivilisation. Im zweiten Teil wird die Theorie von der Praxis abgelöst: Der Held erzählt von einem Essen mit Freunden, das entgleist ist, und einem Besuch im Bordell, wo er die Prostituierte Lisa kennengelernt hat. Der ideologische Kern der Aufzeichnungen aus dem Kellerloch [russ. Titel: Sapiski is podpolja; im Deutschen in manchen Übersetzungen auch Aufzeichnunen aus dem Untergrund] ist eine Auseinandersetzung des Helden mit den bekanntesten wissenschaftlichen Theorien der Mitte des 19. Jahrhunderts (von Malthus über Darwin bis zu Setschenow) und Dostojewskis heimlich durchschimmernde Idee von der Notwendigkeit des christlichen Glaubens und der Selbstaufopferung als einzige Garanten eines friedlichen menschlichen Zusammenlebens.

Wie ist es geschrieben?

Der Stil der Aufzeichnungen aus dem Kellerloch beeindruckte damals mit der krankhaften, nervösen, beinahe pathologischen Intonation des Erzählers, der wirr und geschwätzig von sich und der Welt berichtet. Michail Bachtin nannte diesen Duktus Sprache „mit Hintertür“. Was er damit meint, wird schon in den ersten Sätzen der Erzählung klar: „Ich bin ein kranker Mensch …. Ich bin ein böser Mensch. Ein abstoßender Mensch bin ich. Ich glaube, meine Leber ist krank. Übrigens habe ich keinen blassen Dunst von meiner Krankheit und weiß gar nicht mit Sicherheit, was an mir krank ist.“

Hier variiert der Protagonist ein und denselben Gedanken, widerspricht sich plötzlich selbst, womit er auf die Unvorhersagbarkeit und Ungreifbarkeit seines Ichs sogar für sich selbst hinweist. Gleichzeitig findet er immer eine Hintertür, ein Schlupfloch – einen rhetorischen Trick, eine Wendung, eine Rechtfertigung, einen Versprecher, eine Lüge –, um den selbst gestellten Fragen auszuweichen. Dostojewski wusste genau, welchen Effekt er erzielen wollte, und charakterisierte seine Erzählung am 20. März 1864 in einem Brief an seinen Bruder folgendermaßen: „Sie ist zu seltsam in ihrem Ton, der Ton ist schroff und rau – vielleicht gefällt sie nicht; insofern muss die Poesie alles abmildern und verkünden.“ In einem anderen Brief nannte er den Stil Geschwätz: „Du weißt ja, was in der Musik die Überleitung ist. Genauso ist das hier. Das erste Kapitel scheint nur Geschwätz zu sein, doch in den letzten beiden Kapiteln mündet dieses Geschwätz in eine unerwartete Katastrophe.“

Dieser scharfe Kontrast, dieser Kontrapunkt, auf den sich Dostojewski bezieht, ist eine weitere Besonderheit in Struktur und Erzählweise der Aufzeichnungen. Sehr präzise diagnostizieren ihn „normale“ Leser, wenn sie die Sujetlosigkeit des ersten Teils im Unterschied zur spannenden Dynamik des zweiten bemängeln. Dieser Kontrast in Tempo, Rhythmus und Lautstärke der Erzählerstimme wird zu Dostojewskis Visitenkarte in allen folgenden Romanen, von denen der erste, Verbrechen und Strafe , zwei Jahre nach den Aufzeichnungen aus dem Kellerloch erscheint.

Wie ging es weiter?

Wahren Ruhm erlangten die Aufzeichnungen aus dem Kellerloch ganz am Ende des 19. Jahrhunderts, als eine erstaunliche Ähnlichkeit mit der Philosophie des populärsten Denkers jener Zeit entdeckt wurde – mit Friedrich Nietzsche. Am deutlichsten zeigte diese Parallelität Lew Schestow in seinem Buch Dostojewski und Nietzsche von 1903. Schestow sah in Nietzsches Schicksal und Weltanschauung eine Wiederholung und Weiterentwicklung des extremen Individualismus des „Untergrundmenschen“. Ins selbe Horn stieß Maxim Gorki, der selbst vom Autor von Also sprach Zarathustra tief beeindruckt war: „Der ganze F. Nietzsche ist für mich in den Aufzeichnungen aus dem Kellerloch enthalten. Dieses Buch – das die Menschen noch immer nicht in der Lage sind, richtig zu lesen – liefert für ganz Europa die Basis für Nihilismus und Anarchismus.“1 Mitte der 1910er Jahre waren der Begriff „Untergrund“ (podpolja) und das dahinterstehende Weltbild sprichwörtlich geworden und zirkulierten in den Schriften so bedeutender russischer Kritiker, Schriftsteller und Philosophen wie Wassili Rosanow, Dimitri Mereschkowski und Konstantin Motschulski. Weltweite Anerkennung erfuhr Dostojewskis Erzählung erst Mitte des 20. Jahrhunderts: Nun galt der Text als Ouvertüre zum Existenzialismus und sein Held als literarischer Vorgänger der Protagonisten von Sartre, Camus und anderen europäischen Autoren.

Original: Polka, Sapiski is podpolja


Fußnoten

aus den Archiven A. M. Gorkijs // Russkaja literatura, 1968, № 2, S. 21