S Kaljadami!

Belarus ist ein europäischer Grenz- und Übergangsraum, in dem sich die unterschiedlichsten kulturellen und religiösen Einflüsse aus Ost und West wiederfinden, die mitunter zu einem Amalgam verschmolzen sind. So auch bei den weihnachtlichen Traditionen. 

Am 25. Dezember feiern die belarussischen Katholiken das Weihnachtsfest. Viele begehen, wie in vielen postsowjetischen Ländern, den Übergang zum Neujahr am 1. Januar mit ähnlichen Riten. Und die Orthodoxen gedenken Christi Geburt – entsprechend des julianischen Kalenders – am 7. Januar. Dazu gibt es in Belarus so etwas wie das vorchristliche Weihnachten, was als Kaljady bezeichnet wird und welches ebenfalls in die Zeit nach der Wintersonnenwende fällt. In diesen Wochen steht das Leben also so gut wie still. Es wird gesungen, wie in unserer Anfangssequenz aus dem anrührenden Video von Smizer Waizjuschkewitsch. Es wird (sehr viel) gegessen, man beschenkt sich, man hält inne, lässt sich von einer weißen Winterlandschaft verzaubern, hält auch nach Väterchen Frost, Dsed Maros, und seiner Enkelin Snjahuratschka, dem Schneeflöckchen, Ausschau, die im Urwald der Belaweshskaja Puschtscha leben sollen. Man versucht die Dämonen zu beschwichtigen und die guten Geister zu beschwören. Man denkt an seine Liebsten und hofft womöglich auf leichtere und lichtere Zeiten. Schließlich soll ja gerade die Weihnachtszeit, haben wir zumindest gehört, das ein oder andere Wunder möglich machen.

Deshalb haben wir den bekannten belarussischen Musiker und Künstler Lavon Volski  losgeschickt, ein solches Weihnachtswunder aufzuspüren. Und, tatsächlich: Bei seinem Ausflug in eine wundersame Welt ist er fündig geworden. Er hat uns eine Geschichte mitgebracht. Und er hat sie für uns und – vor allem – für euch aufgeschrieben. Zudem: Er liest sie vor, wie es sich gehört zu Weihnachten, in festlicher Atmosphäre. Viel Spaß damit! Und wir von dekoder wünschen noch mehr Wunder, und vor allem:

S Kaljadami! Frohe Weihnachten!

Ein weiteres Weihnachtswunder

Lavon Volski
Text: Lavon VolskiÜbersetzung: Tina Wünschmann24.12.2021

Es war einmal ein Land, dem erging es wie allen – mal gut, mal weniger. Seine Bewohner waren fleißig und tüchtig – sie säten und ernteten, sie bauten und schrieben Bücher, sangen Lieder und gebaren Kinder. Doch eines war in diesem Land nicht wie in anderen – es hatte keinen König. So war das eben. Zweimal im Jahr versammelte sich der Ältestenrat, entschied wichtige Fragen und ging wieder auseinander. So lebten sie.

Eines Tages aber erschien in der Hauptstadt des Landes ein Wanderer. Er stellte sich auf den Hauptplatz der Hauptstadt und hub zur Rede an:

Leute! Landsmänner! Lasst mich euer König werden! Mit einem König werdet ihr zu einem Königreich, und in einem Königreich sind die Löhne höher und der Urlaub länger.”

Die Menschen hörten auf ihn und wählten ihn zum König. Denn sie wollten, dass die Löhne höher und der Urlaub länger würden. Der König aber begann Gesetze zu erlassen, anstatt sich mit Löhnen und Urlaub zu befassen. Die Gesetze verboten, auf den Hauptplatz zu gehen und laute Reden zu halten, unzufrieden mit der Regierung des Königs und mit der Höhe der Löhne und der Länge des Urlaubs zu sein. Urlaub wurde gleich ganz abgeschafft. Denn die Woche hat ja das Wochenende, das reicht schließlich zur Erholung. Zudem verfügte der König, dass Weihnachten und das Neujahrsfest abgeschafft werden, denn Feiertage müssen ein „ideologisches Gewicht“ haben – so erklärte es der König seinen Ministern. Und so blieben im Königreich nur Feiertage mit solch einem „Gewicht“ übrig – der Tag, an dem der Große Krieg begann, der Tag, an dem der Große Krieg beendet wurde, der Tag der Arbeit, der Tag der Liebe zum König … Weihnachten und Neujahr aber wurden verboten. 


Und so zogen – eines ums andere – lange und öde Jahre ins Land. Weihnachten feierte man zu Hause leise und still, damit es nur keiner merkte und es der königlichen Wache meldete. Fand diese Wache nämlich heraus, dass jemand Weihnachten feierte, warf sie die ganze Familie für viele Jahre ins Gefängnis. Anstelle der Neujahrsfeier trat der König auf eine nur dafür angefertigte Bühne neben seinem Palast und hielt eine Ansprache. Er erzählte, wie gut es sich im Königreich lebe, dass alle glücklich und zufrieden seien, nur die Nachbarstaaten würden ihre feindlichen Absichten nicht verbergen und die nächsten Intrigen spinnen, weshalb man wachsam sein müsse, um feindliche Agenten zu enttarnen, die es nach wie vor, wenn auch schon weniger als früher, zur Genüge gebe. Deshalb sei die königliche Wache zu lieben und zu achten, da sie unentwegt den ausländischen Einfluss in unserem geliebten Heimatkönigreich bekämpfe.

Der königlichen Wache war alles erlaubt. Die Wachen griffen Leute auf der Straße auf, verschafften sich Zutritt zu Wohnungen und holten verschlafene Menschen aus ihren Betten. Ein unvorsichtiges Wort, ein Seufzer oder ein Blick genügten, um einen Bewohner des Königreichs ins Gefängnis zu werfen. Später war selbst das nicht mehr nötig; die Wachen verhafteten Menschen ohne jeden Grund, denn für jeden Gefangenen bekamen sie Geld, und wer es geschafft hatte, einhundert Bewohner des Königreichs zu verhaften, stieg im Rang auf. Daher bestand die königliche Wache ausschließlich aus Offizieren mit hohen Dienstgraden – Majoren und Generälen. Und sie scherzten gern:

Wo ein Mensch ist, da ist auch eine Anschuldigung.“

Der König befahl derweil, alles im Königreich in derselben grau-grünen Farbe anzustreichen. Alles – die Häuser, die Brücken, die Fahrzeuge, die Laternenpfähle. Immer wenn eine Hauswand einen Riss hatte, kam die Baubrigade, verfüllte den Riss mit Farbe, überstrich alles – und schon war der Riss vergessen. Mit Rost machte man es genauso. War irgendwo ein Eisenpfeiler verrostet, kamen sie und strichen darüber – weg war der Rost. Bald schon war alles grau-grün geworden: Was immer auch ist, streich darüber und alles scheint wieder in Ordnung. Damit es immer genügend grau-grüne Farbe gab, ließ der König in jeder Stadt ein Werk bauen, das diese Farbe herstellte. In großen Städten gab es gleich mehrere Farbwerke. Tausende Menschen waren damit beschäftigt, grau-grüne Farbe herzustellen. Wie ein unendlicher Strom ergoss sie sich in Dosen, Zisternen und Tanks … Und tausende weitere Menschen strichen und malerten die ganze Zeit, überdeckten Risse, Kahlstellen, Abgenutztes und Rost. Besonders diensteifrige Chefs ordneten gar an, auf dem ihnen unterstellten Gebiet Bäume und Gras streichen zu lassen – damit alles vollkommen einheitlich war, denn das war schön.

Dann ordnete der König an, dass alle sich einheitlich kleiden mögen. In grau-grüner Kleidung. Im Winter warme, im Sommer leichte Kleidung. An den Ärmeln sollten Aufnäher sein, die zeigten, als was und wo ein jeder arbeitete. War auf dem Aufnäher eine Schaufel, wusste man, dass dieser Mensch die Erde bearbeitete, war es eine Schreibfeder, so hatte man es mit einem Schriftsteller zu tun, bei einem Besen mit einem Putzmann. So geschah es. Alle kleideten sich einheitlich. Und wer die neue Kleidung nicht tragen wollte, wurde von der königlichen Wache abgeholt und musste schließlich auch einheitliche Kleidung tragen, allerdings dann im Gefängnis. 

Außerdem wurde das Singen und Spielen aller Lieder verboten, mit Ausnahme der königlichen Hymne. Sogar die Straßenmusiker durften nur noch diese Hymne spielen. In der Philharmonie und in allen Konzertsälen erklang einzig die königliche Hymne. Einige Musiker freute das gar – früher mussten sie Verschiedenes üben, aufnehmen und proben, jetzt aber reichte die eine Hymne für das ganze Leben! Wettbewerbe für die beste Interpretation der Hymne wurden ins Leben gerufen, eine Hymnenkommission hörte die Musiker an, wählte die besten aus, überreichte Urkunden und Danksagungen. Spielte man die Hymne aber schlecht, konnte man entlassen oder ins Gefängnis geworfen werden.


Eines Tages kam in dieses Königreich, es war am Vorabend von … oje, das Wort „Weihnachten“ auszusprechen war mittlerweile verboten! Irgendwann nach dem 20. Dezember kam also in dieses Königreich ein reisender Musikant. Fast wurde er nicht über die Grenze gelassen, alle fragten ständig: „Was haben Sie da für einen Sack?“ Und er sagte: „Ich bin ein Wanderer, alles was ich besitze, trage ich in diesem Sack bei mir.“ „Und was ist das für ein Musikinstrument?“ „Das ist meine Fiedel, ich spiele auf ihr und verdiene mein Brot.“ „Ihr müsst aber wissen, dass in unserem Land nur die königliche Hymne erlaubt ist. Alle anderen Melodien und Harmonien sind untersagt. Wer gegen dieses Gesetz verstößt, bekommt es mit der königlichen Wache zu tun.“ „Das wusste ich nicht, aber danke, dann weiß ich jetzt Bescheid.“ Sie ließen ihn also ziehen und so kam er schließlich in die Hauptstadt des Königreiches. Dort fragte er die Leute auf der Straße:

„Warum ist bei euch alles so trist? Wo ist die weihnachtliche Beleuchtung, wo sind die Sterne, die Kerzen und die Glöckchen? Wo ist der Weihnachtsmarkt?”

Doch alle Menschen liefen schnell weiter, manche zeigten ihm sogar einen Vogel. Da sprang auch schon die königliche Wache herbei und brachte den Musikanten ins Gefängnis.

„Warum tragen Sie nicht die Einheitskleidung?”, fragten sie.

„Ich bin gerade erst angekommen, ich kenne die Regeln noch nicht.”

Und was hast du da im Sack?”, fragten sie.

„Das ist meine Fiedel”, sagte der Musikant. „Erlauben Sie, dass ich spiele?”

„Spiel nur!”,  befahl der Kommandant. „Spiel die königliche Hymne!”

Und wie begann da der Musikant auf seiner Fiedel zu spielen! Kaum hatte sein Bogen die Saiten berührt, begann Unglaubliches vorzugehen! Alle im Gefängnis begannen zu tanzen, ob sie wollten oder nicht, die Füße hüpften wie von selbst! Sie konnten gar nicht mehr aufhören. Es war also eine Zauberfiedel! Von all diesem Getanze und Gehüpfe bekam das Gefängnis Risse – und fiel schließlich zusammen. Seine Mauern waren nämlich völlig marode, nur die dicken Schichten der grau-grünen Farbe hatten sie noch zusammengehalten. Durch all die stampfenden Füße gerieten die Fußböden so sehr in Schwingung, dass die Mauern nachgaben. Die Gefangenen waren frei und rannten ihrer Wege, und auch die Wachen liefen auseinander, denn ihnen war ganz bange von diesem Wunder.  

Der Musikant aber zog durch die Stadt, spielte auf seiner Fiedel, und alle um ihn begannen zu tanzen, und alle grau-grünen Häuser, Denkmäler, Plakatwände und Fahrzeuge bröckelten und fielen in sich zusammen. Der königliche Palast brach genauso zusammen wie alles, was in den langen Jahren der grau-grünen Herrschaft errichtet worden war. Da nahm der Musikant den Bogen von den Saiten und alle Stadtbewohner schauten auf und fanden sich in den Ruinen der Hauptstadt wieder. Inmitten grau-grüner Trümmer. Nur wenige Gebäude standen noch, nämlich jene, die schon vor der Zeit des Königreichs erbaut worden waren.

„Da habt ihr’s”, sagte der Weihnachtsmann (natürlich war er das!) und steckte seine Fiedel in den Sack. „Ich habe euren größten Wunsch erfüllt. Jetzt bleibt nur noch eine Kleinigkeit – alle packen gemeinsam an und bauen ihre Stadt und ihr Land neu auf.”

Da kam ein starker Sturm auf und trug all den grau-grünen Schutt in unbekannte Richtung davon. Und in der Stadtmitte wuchs mit einem Mal eine hohe Tanne in den Himmel, geschmückt mit Girlanden, Spielzeug und Lichtern. Da warfen die Menschen den Halbschlaf der vielen-vielen Jahre ab. Da begannen sie zu lachen. Die Menschen lachten! Sie warfen die grässliche grau-grüne Kleidung ab und zogen bunte Sachen an. Sie begannen Lieder zu singen und im Kreis zu tanzen. Die Menschen begannen zu feiern und lustig zu sein. Und der Weihnachtsmann schaute ihnen dabei zu, schmunzelte und sagte: „Ich weiß, dass euch alles gelingen wird!”


Idee, Konzeption und Redaktion: Ingo Petz
Gestaltung: Daniel Marcus
Titelsequenz: aus dem Video Na Kaljady von Smizer Waizjuschkewitsch
Fotos: © Andrei Liankevich/Anzenberger
Märchen und Musik: Lavon Volski
Video und Montage: Anton Shybanau
Übersetzung ins Deutsche: Tina Wünschmann
Lektorat: Friederike Meltendorf