[bánja]

Eine Reise in die Nebelwelten des russischen Schwitzbades

Kommen Sie! Tauchen Sie ein! Öffnen Sie die schwere Holztür, dekoder führt sie in die mythischen Welten des russischen Dampfbades, der Banja. Vorsicht, bücken Sie sich! Und nicht den Kopf stoßen!

Eine Longread-Gnose von Christian Buchner

    Ein Hauch wohliger Wärme. Eine Vorahnung der Hitze. Die Gedanken ziehen Schlieren noch aus Alltagssorgen. Doch schon beginnt die Vorfreude sie auszufegen. Ein Bote eilt ihnen entgegen: der Birkenbesen, der unterm Dachfirst bereits im Luftzug weht. Runter mit den Hüllen – der Badequast befiehlt’s! Mit den Kleidern streift sich auch der Alltag ab.

    Brr! Zugig pfeift’s durch die Vorraumritzen, die feinen Härchen stellen sich auf. Schnell einen Filzhut vom Haken gegriffen und die Schwitzraumpforte aufgestoßen. Hitze – blanke Hitze. Eine Wand aus Dampf drückt die Kehle zu. Mund auf und durchgeatmet. Haaaaa … aaah: Ein Duft aus Kräutersud und Birkenpech – die Laubblattruten liegen eingeweicht.

    Von dampfend heißer Luft auf die Holzpritsche niedergedrückt. Augenlider schwer wie Blei. Tut gut, die Hitze. Kriecht langsam unter Haut und Knochen. Benebelt … die Sinne … die Gedanken …  pulsieren … stocken.

    Ein Zischen aus der Schöpfkelle durchbricht die Stille. Dampf reißt durch die träge Kammer. Ein Luftwirbel aus brühend heißen Tröpfchen, ein Dampfwogenprall … klatsch … sehnig federnd beißen Birkenzweige schmatzend in die aufgeweichte Haut. Ein Zucken nach innen an tausend Körperstellen. Flusch, klatsch, flusch. Zug um Zug im Rhythmus der kleinen Blitze begreift der Körper erst langsam. In Wellen prescht die Hitze, durch den ganzen Körper … klatsch, flusch, klatsch … in sengend roten Striemen. Oh Gott! Ich halt es nicht mehr aus …

    Auf das Tor, ein Meer von Dampf, die Banja leutert, heilt, und lindert seelisch Leid wie Muskelkrampf. Rund um Rund und Scheit auf Schicht, Schwitzbad zeig uns dein Gesicht! Alter Geister Schattenfratzen, lautlos über Pritsch und Balken kratzen. Es ächzt und stöhnt die nackte Haut. Es flucht und heult, wer sich dem Birkenbesen anvertraut. Die Hütte atmet Ruß und dampft, doch ihr Geist umarmet sanft die armen Leiber, die drin schwitzen. Sieh, es scheint durch ihre Dielenritzen: andre Welten, Sitten und Geschichtenschreiber. Geflochten aus des Landes Zeitenwenden, legt man ein schweiß- und gramgetränktes Leintuch um die Lenden. So schöpft und formt und schafft sich aus ihr Bereinigung und Sinn und Kraft. Mit manchem Reim auf alte Weise nehmen wir euch mit auf diese Reise. 💬 


    Eine Banja ist eine Banja ist eine Banja

    Die Tradition der Banja lässt sich über mehr als 1500 Jahre zurückverfolgen. Und fast genauso viele unterschiedliche Banja-Variationen entstehen in dieser Zeit, die in ihrer jeweiligen Epoche und Funktion kulturell ganz unterschiedlich aufgeladen sind. Starke architektonische Überformungen lassen heute manchmal kaum mehr die Verwandtschaft zur idealtypischen Dorfbanja erahnen. In Stilelementen und Symbolik, in Sprüchen und Funktionen finden sich dennoch erstaunlich viele Reminiszenzen an eine als ursprünglich imaginierte Form – die Banja, ein Idealtypus:

    Auf dem Hof eines Dorfhauses oder einer Datscha befindet sich etwas abgelegen eine kleine windschiefe Blockhütte mit rauchendem Kamin. Tritt man näher, so steht man vor einem niedrigen, stadelartigen Gebäude aus grob behauenen Balken, die Zwischenräume mit Hanfseil, Lehm und Moos abgedichtet. Eine Treppenschwelle hinauf und durch die hingezimmerte Brettertür: Schon findet man sich in einem dunklen Verschlag wieder – dem Vorraum zum Entkleiden und Verschnaufen (predbannik). Auf dem Boden einige Scheite Holz, etwas Werkzeug, Stiefel und Galoschen; an den Wandhaken alte Mäntel, Baumwolltücher und Bademützen, unter der Dachgaube Birkenruten (weniki), die im Luftzug trocknen. In der Ecke eine heruntergebrannte Kerze.

    Und da, noch eine geduckte Pforte. Mit einem harten Ruck am Holzgriff öffnet sich knarzend die aufgequollene, wattierte Holztür ins Herz der Banja, zur Parilka. Geneigten Hauptes tritt man ein. Eine kleine vergilbte Fensteröffnung, schummriges Licht, ein niederer, wenige Schritte tiefer Raum. Riecht leicht modrig hier. Neben der Tür ein halbentblätterter Reisig – schweigender Zeuge des letzten Badegangs. Auf dem groben Dielenboden, dessen breite Ritzen als Abfluss dienen, stehen kleine Waschzuber (tassik oder schaika). An einem provisorisch abgedeckten Fass mit kaltem Wasser eine emaillierte, verbeulte Gießkelle (kowsch). Auf einer einfachen Pritsche Filzmützen (schapki) und -fäustlinge (wareshki), daneben ein Bastschwamm (motschalka) und eine Schale mit Gall- oder Birkenpechseife.

    In der Ecke thronend ein rostiger Holzscheitofen (petsch), aus schweren Eisenrohren zusammengeschweißt. Direkt über der tiefen Brennkammer ein Reservoir mit groben Steinen gefüllt, darüber ein eingelassener Heißwasserkessel. Neben Aufgüssen aus Birkensud und Wasser, sorgt dieser Kessel über mehrere Stunden erhitzt für konstanten Dampf. In einer guten Stunde wird hier auf 60° bis 90° geheizt (topit banju). So sieht er in etwa aus, der Idealtyp einer Banja heute.

    Ein russischer Bauersmann (mushik) der Zarenzeit dürfte in einer solchen idealtypischen Dorfbanja mit Kaminofen allerdings eher selten geschwitzt haben: Dieser Typus der sogenannten „weißen Banja“ mit geschlossener Brennkammer findet erst nach dem Zweiten Weltkrieg  über alle sozialen Schichten hinweg Verbreitung. Doch bis dahin – ein weiter Weg.

    Die Tradition der Dampfsauna und ihrer Vorläufer lässt sich in archäologischen Funden bis in die frühe nordostslawische Siedlungsgeschichte zurückverfolgen 💬 . Und in dieser weit über 1500-jährigen Entwicklungsgeschichte der Banja existiert ein ebenso weites Spektrum an Größen und Formen.

    Zunächst ist eine Banja nicht mehr als eine Erdhütte: Eine ausgehobene Vertiefung, die mit Blattwerk abgedeckt wurde – wie es ein arabischer Reisender noch für das 10. Jahrhundert beschreibt. Über offenem Feuer werden Steine geschichtet und Wasser erhitzt 💬 .

    Erst später, mit Siedlungskonsolidierung und -verdichtung, verbreiten sich komplexere Gebäudeanbauten und separate Waschhäuser in Blockbauweise 💬 . Archäologisch sind zwar bereits sehr frühe Schwitzhütten mit Rauchfang und geschlossener Brennkammer belegt. Da mit dem Rauch jedoch auch die Hitze abzieht, bringen diese Formen einen hohen Heiz- und Arbeitsaufwand mit sich und bleiben lange Zeit eher die Ausnahme.

    Noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts waschen sich die Russen vornehmlich in selbstgebauten Rußdampfbädern, im Schwitzraum findet sich eine gelegte oder gemauerte Feuerstelle, über der Steine geschichtet sind (kamenka) 💬 . Ein gesonderter Rauchabzug oder Kamin ist lange nicht vorgesehen. Weil die Decken und Wände durch den zu Fenster und Tür abziehenden Qualm komplett verrußt sind, heißt diese Banja-Form entsprechend „schwarze Banja“ (po-tschornomu).

    • Noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts waschen sich die Russen vornehmlich in selbstgebauten Rußdampfbädern. Banja aus dem Dorf Mishostrow, Karelien / Foto: Insider/Wikimedia unter CC-BY-SA-3.0
    • Weil die Decken und Wände durch den zu Fenster und Tür abziehenden Qualm komplett verrußt sind, heißt diese Banja-Form entsprechend „schwarze Banja“ / Foto: A. Savin/WikiCommons

    Mit der Verbreitung von urbanen Kleingartenkolonien in der Nachkriegszeit, den technischen Fortschritten in der Brennholzbereitung sowie im Zuge sowjetischer hygienisch-kultureller Zivilisierungsideologie tritt schließlich die „weiße Banja“ (po-belomu) mit geschlossener Brennkammer und Kamin ihren Siegeszug über die „schwarze Banja“ an. Die weiße Banja wird fortan in den verdichteten ländlichen und städtischen Siedlungen bevorzugt – als kultivierter, progressiver und brandsicherer.

    Spätestens seit dem Mittelalter, als in größeren Städten und Handelsstützpunkten kaufmännisch geführte Dampfbäder eröffneten, ist die Banja außerdem nicht mehr nur privater, sondern zunehmend auch (männlich dominierter) öffentlicher Raum. In der Sowjetunion schließlich entstehen in fast jeder Arbeitersiedlung zahlreiche öffentliche Großraumdampfbäder und -badeanstalten für das kollektive Banja-Erlebnis – mit eigenen Abteilungen oder Zeiten für Männer und Frauen. Kollektiv heißt: Hier schwitzen mitunter einige Tausend Menschen am Tag.

    Heute gibt es unzählige Formen von Banjas 💬 , die man fast überall finden kann, wo Russen wohnen oder verweilen: von den bescheiden improvisierten Banjas in den großflächigen Garagenkomplexen  am Stadtrand bis hin zu den luxuriösen kommerziellen Sauna- und Wellnesskomplexen mit Großraum- und Privatabteilungen, Pools und Billardtischen, Karaokeanlagen und separaten Hotelzimmern.
    Und da, wo keine festen Gebäude bestehen können, gibt es Ersatz: mobile Feldbanjas aus PVC-Planen, Banjas in Wagenkästen oder tief unter dem Meeresspiegel an Bord eines Atom-U-Boots. Und selbst im Orbit muss der russische Kosmonaut nicht auf die Banja verzichten: Auch auf der Raumstation Mir 📖  wurde eine Variation installiert.

    • Heute gibt es unzählige Formen von Banjas / Foto: Michael ChUv unter CC BY-NC-ND 2.0
    • Da, wo keine festen Gebäude bestehen können, gibt es Ersatz: mobile Feldbanjas aus PVC-Planen … / Foto: de_vald/Wikimedia unter CC-BY-SA-3.0
    • … Banjas in Wagenkästen … / Foto: Alexander Krjaschew / RIA Nowosti
    • … und tief unter dem Meeresspiegel an Bord eines Atom-U-Boots (Atom-U-Boots K-535 „Juri Dolgoruki“) / Foto: Andrej Stanawow / RIA Nowosti
    • Die luxuriösen Sandunowsker Dampfbadehäuser in Moskau / Foto: Oleg Lastotschkin / RIA Nowosti
    • Bergarbeiter-Banja in Kemerowo / Foto: Dimitri Korobejnikow / RIA Nowosti

    Vom rußig feuchten Schoß der Erde bis zu den glanzpolierten Fenstern im kosmischen Sternenhimmel: Allen Banjatypen gemein ist die Idee einer regelmäßig praktizierten Nichtalltäglichkeit und eines spirituellen wie körperlichen Reinigungsrituals. Eine Banja ist eine Banja ist eine Banja. Betritt man sie, so betritt man einen vielschichtigen, teils widersprüchlichen metaphysischen Komplex und in ihrem Dampf steigt auf: der ephemere Geist russländischer Weltgebilde.

    Und auch, wenn westlichen Reisenden diese Komplexität oft verborgen bleibt: So russisch-exotisch scheint die Banja, dass ihr Besuch heute zum Pflichtprogramm vieler Russlandtouristen gehört. Das mit dem Besuch war nicht immer so. Die Schaulust nach dem östlich Fremden wird jedoch von alters her fortgeschrieben.


    Gekochte Krebse und aufgespießte Ferkel – die Banja im Blick westlicher Reisender

    „Ich sah hölzerne Badehäuser, und sie heizen sie bis zur Gluthitze und ziehen sich aus […] Und sie erheben Ruten und fangen an und schlagen sich selbst, und sie schlagen sich so lange, bis sie kaum lebendig herauskommen, und sie übergießen sich mit kaltem Wasser, und so leben sie wieder auf. Und so tun sie alle Tage, von niemandem gepeinigt, sondern selbst peinigen sie sich“ 📖 . So erzählt Apostel Andreas von seinen Reisen „zu den Slovenen“ im frühen 1. Jahrhundert, den Dnjepr flussauf bis nach Nowgorod. Zumindest will es so die Kiewer Nestorchronik aus dem 12. Jahrhundert.

    Obgleich diese devote Fabel weder einen Beweis für die Nutzung von Dampfbädern im 1. Jahrhundert noch für eine derart frühe Existenz eines slawischen Landes oder der Slawen selbst darstellt 💬 , ist sie bemerkenswert. Denn hier ist sie nun, die Banja – oder besser: eine der ersten schriftlichen Erwähnungen der Banja 💬  in russischer Sprache. Allein, dass der Apostel sie als einzig herausragende kulturelle Eigenart der Slawen herausstellt, zeigt ihre Bedeutung – und gleichzeitig beginnt hier eine lange Reihe von kuriosen Fremdbeschreibungen, die das Schwitzbad mit Peinigung gleichsetzen: Bilder frivoler Selbstgeißelung, orientalisch erotisierter Nacktheit und qualvoller Überhitzung finden sich fortan häufiger.

    Russen können kräftige Hitze ertragen, sie „liegen auf der Schwitzebank und lassen ihnen mit solchen Püschen und Quasten die Hitze auf den Leib jagen und sich damit reiben (welches mir unerträglich war)“ (Adam Olearius ) 📖 . „Ich bin von der Liegebank heruntergesprungen, weil ich Angst hatte, aus Atemnot zu sterben oder gebraten zu werden“ (Francisco de Miranda ) 📖 . In der Banja schlagen sie sich mit Bündeln von Birkenästen „oder legen sich auf die Bank hin und lassen sich von anderen ordentlich peitschen“ (Hans Moritz Ayrmann ). Wenn sie von der Hitze „in der Badstube nicht mehr dauern können, laufen die Weiber sowohl als die Männer bloß heraus“ (Olearius), so rot „wie gekochte Krebse“ (Just Juel ) 📖  und rauchend von der Hitze wie ein „Ferkel auf dem Bratspieß“ (Giles Fletcher ) 📖 . Sie laufen nackt zum Fluss und „wenn ein harter Winter das Wasser mit Eis überzieht, greifen sie zum Schnee und nachdem sie sich lange damit gleichsam wie mit Seife eingerieben haben, kehren sie in die Banjahitze zurück und dann … wiederholen sie diese Extreme ohne Unterbrechung“ (Augustin Meyerberg ) 📖 . So eine Unempfindlichkeit gegenüber Hitze und Kälte wäre erstaunlich, wenn sie von der Wiege an daran nicht gewöhnt wären. (Jan Jansen Struys ) 📖 .

    Diese männliche, christliche, westliche Schaulust hat den europäischen Diskurs über die russische Banja jahrhundertelang geprägt. Die naheliegenden Assoziationen zu höllenartigen Qualen, denen sich die Russen freiwillig hingeben, aber auch zu verführerisch-sündiger, gemischtgeschlechtlicher Nacktheit (huiuiui!), erregten nicht selten Befremden und Lüsternheit gegenüber diesem Brauch: Im Gegenlicht des moralisch Verwerflichen, des spektakulär Barbarischen, des heidnisch, exotisch und erotisch Fremden kultivierte man eine moralische Selbstidealisierung 💬 .

    All die „gekochten Krebse“ und „Ferkel auf dem Bratspieß“ sind dabei vor der kulturellen Folie der männlichen Leserschaft gehobenen Standes zu betrachten. Solche Beschreibungen wurden sicherlich für einen gesteigerten Unterhaltungswert und zur Selbstprofilierung gern noch ausgeschmückt. Dabei überblenden sie jedoch den kulturellen und sozialen Kontext, ohne den die Banja zwangsläufig stereotypes Kuriosum bleiben muss. Es fehlt überdies der Blick der russisch geprägten Bevölkerung: auf die ganz individuelle, häufig banale, fast immer aber bedeutsam und positiv gewertete Praxis des Reinigungsrituals. In ihm spiegeln sich historische, politische wie technische Umbrüche und Zeitenwenden.

    In der Banja gewaschen – gleichsam neu geboren 💬 , besagt ein altes Sprichwort: Der Dampf der Banja spendet seit weit über einem Jahrtausend eben auch neue Energie und haucht den Menschen Ehrfurcht ein. Doch woher rührt dieses positive und ehrfürchtige Erleben?


    In den Schwaden magischer Anderswelten: Wandlung und Verwandlung

    „Es gibt eine Tradition: Jedes Jahr am 31. Dezember gehe ich mit Freunden in die Banja … und wir waschen uns.“ So beginnt Shenja Lukaschin, Protagonist des Sowjetfilmklassikers Ironie des Schicksals  (russ. Ironija sudby, 1975), immer aufs Neue seine unglaubliche Geschichte in dieser Sowjetgroteske. In einer typischen Männerrunde besucht er am Silvesterabend ein städtisches Dampfbad. Die Szene endet in einem kollektiven Besäufnis. Als der Protagonist aus Rausches Schlummer erwacht, findet er sich in einer Neubausiedlung wieder, völlig identisch mit derjenigen, in der er selbst wohnt – allerdings in einer anderen Stadt: nicht in Moskau, sondern in Leningrad. Von der Banja aus entspinnen sich die Fadenstränge einer schicksalhaften Täuschung.

    Die öffentliche Banja wird im Film detailgetreu dargestellt als das, was sie im Spätsozialismus war: Ort einer informellen, halbprivaten Freizeitaktivität im Freundes- oder Arbeitskollektiv, ein körperliches, geselliges Vergnügen mit Alkohol und zweifelhaften Witzen, also all dem, was in der formellen Ideologie marginalisiert wurde 📖 . Gleichzeitig markiert die Banja in diesem Filmklassiker einen Lebenswendepunkt: Ausgelöst durch die symbolträchtige Banjaszene verschieben sich die Realitäten unerwartet. Es öffnet sich die Pforte zu einer magisch schicksalhaften Liebesgeschichte, die den Protagonisten aus seiner Midlife-Crisis herausfinden lässt. Der auf den ersten Blick abgeklärte ironische Film im realsozialistischen Setting geht damit zurück zu den archaisch-rituellen Wurzeln der Banja, mit ihren teils grotesk-rauschhaften Jenseitsvisionen, Wegscheiden und Statusübergängen. Und durch Schwaden dichten Dampfes hindurch vollzieht sich: Die ersehnte Heilung von spätsozialistischen Defekten, Depressionen und Wunden.

    Die Banja gilt von alters her nicht nur als zentraler Ort der regelmäßigen Körperhygiene. Sie stand und steht immer auch für eine Begegnung der pragmatischen Alltagswelt mit den Geister- und Jenseitswelten, mit Schicksal, Vergangenheit und Zukunft. Heilung und Sinnfindung, inneres Wachstum und die Markierung von Lebensabschnitten, aber auch Krankheit und Tod sind mit ihr verbunden. Hier wurden Wild- und Heilkräuter gelagert, Kinder geboren und Kranke gepflegt 💬 , Lebens- und Statusübergänge vollzogen, Zauber gewirkt und Geistern und Ahnen regelmäßig Opfer dargebracht 📖 .

    Von vor der Geburt bis nach dem Tod ist die Banja schon in vorchristlicher Zeit der Ort für Lebenszyklus- und Übergangsrituale. Hebammen und heilkundige Frauen (snatki, snachari ) begleiteten Rituale, in denen etwa Schutzzauber für Ungeborene gesprochen und Amulette angefertigt wurden. Magiekundige (kolduny) legten Standorte für Badehäuser, Ritualabläufe sowie Opfergaben fest. Als Ort des Übergangs spielte die Banja auch in Toten-, Trauer- und Ahnenritualen eine zentrale Rolle. Zur Sonnenwende (Iwan Kupala Tag ) und zu anderen Feiertagen, wie an Neujahr oder an Totengedenktagen, nahm man in der Banja Kontakt mit der Geister- und Ahnenwelt auf, um die Zukunft vorherzusagen (gadanije). Man heizte den Verstorbenen eine Sauna und brachte den Geistern Fleisch-, Milch- und Eieropfer dar. Verstreute Asche diente der Zeichendeutung und Kommunikation mit den Ahnen 📖 .

    Viele Geschichten und Volkslegenden ranken sich seit jeher um die Banja als rituell assoziierten Ort des Übergangs und der Andersweltlichkeit.

    Eine besonders elaborierte Rolle kam der Banja bei den Hochzeitsritualen zu. Vor allem von der Brautvorbereitung sind viele Zauber-, Bannsprüche und rituelle Handlungen überliefert. „Steh auf, meine Schwester, damit du in die kleine Dampfsauna gehst, auf dass du deine freie Freiheit abwäschst, und deine Mädchenanmut!“, heißt es in einem der rituellen Brautbadelieder 📖 . In der Banja verlor die Braut bei Reinigungszeremonien in Haarbändern symbolisiert ihre mädchenhafte Unschuld (krassa krasnaja – wörtl. schöne/gerötete Anmut) und ihre unbedarfte gesellschaftliche Freiheit (wolja wolnaja). In der Banja wechselte die Braut auch auf zeremonielle Weise ihr Brautgewand. Ihren Schweiß verbuk man vielerorts in Hochzeitsgebäck – als heilige Tränen 💬 .

    Der Banja-Gang war vor allem am zentralen und rituellen Waschtag, dem Samstag, üblich 💬 . Daneben gilt bis heute der Brauch, sich vor wichtigen Feiertagen nicht nur äußerlich hygienisch, sondern auch innerlich symbolisch zu reinigen – was sich offensichtlich nicht im häuslichen Duschbad bewerkstelligen lässt.

    In der Banjaszene in Ironie des Schicksals gibt es einen Dialog über den Unterschied zwischen Banja und Badewanne: „Eine Badewanne in jeder Wohnung ist eine gute Sache“, sagt ein Protagonist. „Das ist praktisch. Das ist die Zivilisation. Aber der Prozess des Waschens, der in der Banja als feierlicher Ritus begangen wird, bleibt in der Badewanne schlicht ein oberflächliches Abwaschen von Schmutz.“ „Mischa hat recht“, bestätigt der andere Protagonist, „die Banja reinigt bis ins Mark.“
    Letzteres ist sicherlich nicht nur hygienisch gemeint. Ein verbreiteter Spruch bestätigt: Duch parnoi – duch swjatoi, Geist des Dampfes – bist uns heilig 💬 .

    In der Banja erfährt man rituelle Reinigung. Die Banja erzeugt Übergänge, spendet neue Kraft und Lebenssinn. Aber ganz bestimmt nicht im christlichen Sinne, im Gegenteil. Die Banja ist ein ambivalenter Ort des Potentiellen: heilig heilsversprechend, aber auch schmutzig, zwielichtig und … gefährlich.

    Verheißungsvoll der Möglichkeit Chimäre, kichernd grient sie aus der Ofenglut. Ach wie schön doch Wandlung wäre, aber Schmerz und Ängsten sich zu stellen kostet bittren Mut. Das trübe Zwielicht nebelblind durchschreiten schneidet heiß ins blanke Fleisch, Traum und Albtraum Spiegelseiten, in Ruch und Zweifel tränengleich perlt voll grauer Schlieren kalter Schweiß.


    Die Dampfwolke löst sich auf und steigt gen Himmel – es öffnet sich: der Blick in die Unterwelt

    Wie sieht das Jenseits aus? Ein Protagonist des Romanklassikers Schuld und Sühne von Fjodor Dostojewski denkt über das Leben nach dem Tod und die Ewigkeit nach, die so oft „als etwas Riesenhaftes, ungeheuerlich Großes!“ erscheine. Aber warum soll die Ewigkeit denn in der Tat so ungeheuer groß sein? „Auf einmal (stellen Sie sich das mal vor) kommt es so heraus, daß da statt all dessen nur ein einziges kleines Zimmerchen ist, so in der Art wie eine Badestube auf dem Lande, ganz verräuchert, und in allen Ecken Spinnen, und das ist dann die ganze Ewigkeit.“ 💬 

    Die Verbindung zwischen dem übernatürlichen Jenseits und der kleinen und dunklen Banja, in der überall Spinnen herumkriechen, scheint nur auf den ersten Blick paradox zu sein. In der russischen Kultur ist dieser transzendentale Brückenschlag zwischen Banja und jenseitiger Unter- und Oberwelt tief verwurzelt. So legt es auch ein weiterer Literaturklassiker nahe.

    Eine der wichtigsten literarischen Szenen von walpurgischer Zusammenkunft spielt sich nämlich ebenfalls hinter der Pforte aus Dampf ab: Im magisch-grotesken Roman Meister und Margarita verlegt Michail Bulgakow  den Teufels- und Hexenball beim Satan mit all seinen Bacchanalien, Orgien und Morbiditäten der Unterwelt in die real existierenden Sandunowsker Dampfbadehäuser in Moskau. Verbrecher und Sünderinnen laufen zwischen Blutbrunnen und Champagner-Bädern auf zum Knochentanz. Als dessen Ballkönigin und zentrale Romanfigur muss die nackte Margarita eine Nacht durchstehen, um als Hexe initiiert zu werden. Durch diese selbstlose Tat (Achtung, Spoiler!) erlöst sie im Endeffekt ihren geliebten, entrückten Meister sowie seinen Passionsroman aus dem Fegefeuer und öffnet ihm die Pforte zum Paradies. 📖 

    • Im Roman Meister und Margarita verlegt Michail Bulgakow den Teufels- und Hexenball beim Satan in die real existierenden Sandunowsker Dampfbadehäuser in Moskau / Foto: Andres rus/Wikimedia, unter CC-BY 3.0
    • Verbrecher und Sünderinnen laufen bei Bulgakow zwischen Blutbrunnen und Champagner-Bädern auf zum Knochentanz. Ein Schwimmbad in den Sandunowsker Dampfbadehäuser in Moskau / Foto: Andreykor/Wikimedia, unter CC-BY-SA 4.0

    Den Blick in diese Unterwelt gewährt Bulgakow durch eine sich auflösende Dampfwolke – in klarer Reminiszenz an altrussische Vorstellungen. Bereits in der Ideenwelt der frühslawischen Kultur gilt die Banja als unheimlicher, unreiner Ort. Selbst im christianisierten Russland ist sie der einzige Raum, in dem man sein Kreuz ablegen darf. 📖  In der Banja trifft man auf die gefahrenvolle Welt des Übernatürlichen und auf das ambivalente Reich der Geister und Ahnen.

    Im Volksglauben haust in der Banja der Bannik: ein Geisterwesen der unreinen Mächte (netschistije sili), welche sowohl Schaden als auch Nutzen bringen können. Wer diese Mächte und die Ahnengeister durch spezielle Ordnung 💬  und Opfergaben zu besänftigen wusste, der ging unbeschadet durch den unreinen, jenseitigen Ort und kam gestärkt, körperlich und seelisch gereinigt wieder heraus. Wer aber die Umgangsregeln nicht beachtete, musste mit schlimmen Folgen rechnen: Wenn einer den Banjageist verärgerte, durfte er sich nicht wundern, wenn er nach dem Saunieren ausrutschte. Und wem die Banja abbrannte oder wer gar einer tödlichen Rauchgasvergiftung erlag, der hatte wahrscheinlich während des Saunierens den Bannik respektlos behandelt.
    Die Banja als rituell gerahmter Grenzort: Hier wurden die Menschen angesichts einer unheimlich-anderen Welt dazu gebracht, bedeutende Ereignisse in ihrem Leben sowie sich selbst zu reflektieren und an sich und der Welt zu arbeiten. An diese physisch und psychisch fordernde Begegnung mit dem Übernatürlichen, Außeralltäglichen knüpften sich Rhythmus und Sinnhaftigkeiten für den Lebensalltag.

    In der russischen Märchenwelt ist es die zauberkundige Hexengestalt Baba Jaga, die die Verbindung zu den unreinen Mächten herstellt. Sie geleitet die Helden auf den Pfad der Prüfungen, bei denen sie innerlich und äußerlich über sich selbst hinauswachsen müssen – und dabei nicht selten der Geisterwelt begegnen. Und wo wohnt diese Märchenfigur? In einer banjaähnlichen Blockhütte auf Hühnerfüßen (isbuschka na kurjich noshkach). Und: In der heidnischen Tradition wurde unter der Banjaschwelle ein schwarzer Hahn geopfert und begraben. Da lässt sich eine kulturelle Verbindung wohl kaum abstreiten.

    Die zauberkundige Hexengestalt Baba Jaga wohnt in einer banjaähnlichen Blockhütte auf Hühnerfüßen / Bild: Unbekannter Autor, 1915, public domain

    Dieses rituelle Verständnis der Banja beginnt erst langsam in den Hintergrund zu treten, als durch eine erstarkende christliche Tradition viele Banjarituale ins Reich des Aberglaubens verbannt und gar für des Teufels befunden werden. Fortan sind es verstärkt kirchliche Weihe- und Segensrituale, die für spirituelle Reinigung sorgen sollen.

    Von den Kirchenvätern mit Argwohn betrachtet, wird das Dampfbad einer christlichen Ethik untergeordnet: mit der Zeit rücken damit Körperpflege und privater, familiärer Austausch in den Vordergrund. Bei Tag scheinen die Teufel gebannt, das Tor zur Geisterwelt wird offiziell für geschlossen erklärt. Rituale werden umgewertet zu volkstümelnden Traditionen mit relikthaften heidnischen Elementen. Öffentliche Bäder zum Reinigen können fortan ohne rituellen Hintergrund, zum bloßen Vergnügen der Kundschaft errichtet werden.

    Im Schutz des Badehauses überdauern dessen ungeachtet viele vorchristliche Elemente des Volks- und Aberglaubens die Christianisierung. Auch im Volksmund und in zahlreichen kulturellen Referenzen bleiben Verbindungen zwischen heidnischen Jenseitsvorstellungen und der Banja erhalten: Bis heute schickt man so seine Feinde sinnbildlich zum Teufel oder in die Banja (idi ty k tschortu, bzw. idi ty w banju).

    Und ward der schwarze Hahn von Kirchenvätern ausgetrieben, Nackheit, Lust, Vergnügen sind geblieben. Hinter mancher Dampfbadschwelle, da schwellen Kamm und Brust und Felle. Wonach der Pope wohl sein Haupt verrenkt? Ein Schelm, wer Böses dabei denkt?


    Erotisches Vergnügen, Lust und Gender in der Banja

    Der Kirche waren die Banjatraditionen nicht allein wegen des heidnischen Aberglaubens ein Dorn im Auge. In christlich-orthodoxer Moralvorstellung galt die zur Schau gestellte Nacktheit als sündhaft. Besonders berufen fühlten sich die Kirchenoberhäupter jedoch im Kampf gegen gemischtgeschlechtliche Dampfbadbesuche. So stellt das Kirchengesetz der Hundertkapitelsynode in Moskau 1551 nicht nur Banjabesuche von Ordensleuten und Geistlichen unter Strafe, sondern belegt die Praxis gemischter Waschhausnutzung generell mit einem Bann 📖 . Dies war offensichtlich von mäßigem Erfolg gekrönt, wie zahlreiche Skandalnotizen und Sanktionskampagnen über die Jahrhunderte immer aufs Neue belegen.

    Als der französische Dichter Charles Masson  Ende des 18. Jahrhunderts nach Sankt Petersburg reist, will er sich vergewissern, wie viel von den zahlreichen spektakulären Reiseberichten über die Banja der Wahrheit entspricht. Er braucht die Banja gar nicht zu betreten, ihm reicht es, sich ihr nur zu nähern, um sicher zu sein, dass „die schönen Russinnen gewohnt waren ihre Reize den Blicken der Vorübergehenden auszusetzen“, wie er in seinen Geheimen Denkwürdigkeiten über Russland schreibt. Und siehe da: Auch die Männer ziehen sich öffentlich nackt aus. „Das junge russische Mädchen wird nie unwillkürlich über eine Neugierde erröten […] und ihr Gatte kann ihr nichts neues weder weisen noch lehren.“ [sic] 📖 .

    Was der Französin die Hochzeitsnacht, ist der Russin die Banja? Sexualkunde à la russe?! Charles Masson steht exemplarisch in einer langen Reihe prüder europäischer Reisender und Gesandter, die die Banja erotisch exotisieren und zahlreiche Berichte und Bilder von den freizügigen Sitten der russischen Badehäuser verbreiten. 📖  Dass in Europa bis ins 20. Jahrhundert hinein selbst ein entblößtes weibliches Knie als „nackt“ wahrgenommen wird, lässt viele Reiseberichte vielleicht in einem etwas anderen Licht erscheinen.
    Eine begrenzte Freizügigkeit und ein gewisses Potential zu erotischer Aufgeladenheit kann man der Banja dennoch schwerlich abstreiten: Zu zahlreich sind die manchmal voyeuristisch angehauchten Berichte über offene (weibliche) Nacktheit in der Banja.

    Nackheit beim privaten Saunieren und Waschen in der Banja ist zwar seit jeher üblich, folgt allerdings klaren Gepflogenheiten. Eine Geschlechtertrennung mag beim Waschen im engsten Familienkreis aufgehoben sein. Für Banjas auf den bäuerlichen Anwesen jedoch waren getrennte Saunagänge mit geregelter Abfolge die Norm: Kinder, Männer, Alte und Kranke, Frauen – wobei je nachdem patriarchale Familienordnung, Pragmatismus und Temperatur ausschlaggebend waren.

    Aber entscheidend für das spezifische Banjavergnügen ist gerade die Tatsache, dass Männer und Frauen in der Regel nach Geschlechtern getrennt, unter sich bleiben: Unter seinesgleichen und in kollektiver Nacktheit weitestgehend gleichgestellt, entfällt der Druck der Repräsentation sozialer Rollen und der Selbstdarstellung voreinander sowie gegenüber dem anderen Geschlecht 📖 .

    • Sinnlichkeit und körperliche Lusterfahrung gehören zum russischen Schwitzbad genauso wie traditionelle Geschlechterrollen / Foto: Wladimir Wjatkin / RIA Nowosti
    • Entscheidend für das Banjavergnügen ist die Tatsache, dass Männer und Frauen in der Regel nach Geschlechtern getrennt, unter sich bleiben / Foto: Fred Grinberg / RIA Nowosti

    So sind zwischen den Dampfwolken der geschlechtergetrennten Badeanstalten häufig angeregte Diskussionen über das andere Geschlecht, anzügliche Bemerkungen, erotische Anspielungen und Fantasien zu hören. Wer will, mag dem teils neckischen Wechselspiel des Birkenrutenschlagens und dem Räkeln und Stöhnen im heißen Dampf eine homoerotische, sadistisch-masochistische Note beimessen. 📖  Zumindest wird es bis heute oft von scherzhaften Anspielungen und sexualisierter Schimpfsprache begleitet.
    All das bewegt sich jedoch in klar rituell regulierten Grenzen: Genüssliches Betrachten, stilles und lautes Genießen sind erlaubt – körperliche Übergriffigkeiten tabuisiert 💬 . Nichtritualisierte Körperkontakte oder gar orgienhafte Zustände entsprechen aber weder der gängigen Praxis noch der Banjatradition.

    Wenn in heutigen kommerziellen oder Privatsaunen eine Gesellschaft beiderlei Geschlechts gemeinsam schwitzt, so tragen für gewöhnlich alle Badebekleidung – sofern sie nicht für Nacktheit und Sexarbeit bezahlt wurden. 💬

    Sinnlichkeit und körperliche Lusterfahrung gehören zum russischen Schwitzbad aber genauso wie traditionelle Geschlechterrollen. Deutlich wird das in klar gegenderten symbolischen Referenzen und mehrdeutig lesbaren Sprichwörtern: Der Volksweisheit zufolge hat in der Banja der Birkenbesen das Sagen, und in der Ofenröhre der Schürhaken. 💬  Dem (grammatikalisch) männlichen Birkenbesen (wenik) wird die befruchtende Ordnungsmacht zugeschrieben 💬 , der (grammatikalisch) weiblich gewerteten Sauna selbst die Fähigkeit zum Nähren, Kräftigen und dem immer aufs neue Gebären. Banja – mat wtoraja beschreibt die Banja als hegende und umsorgende zweite Mutter.

    Traditionelle Rollenvorstellungen werden auch in der gegenwärtigen getrenntgeschlechtlichen Banja nicht unbedingt aufgehoben. So sind in Frauenrunden oft eher Schönheits- und Gesundheitspraktiken verbreitet, während in Männerrunden der kameradschaftlichen Verbrüderung sowie Politik, Geschäften und Macht größere Bedeutung beigemessen wird. 📖 

    Der Diskurs um die Banja ist bis heute männlich dominiert, und auch in der öffentlichen Wahrnehmung bleibt sie ein Ort prädominant männlicher Lustbarkeit und erotischer Fantasie: Tabak und Spelunke, Weib und Banja – ein einziges Vergnügen 💬 besagt der Volksmund. Ein weiblicher Blick auf das russische Dampfbad wurde in den Werken der Hoch- und Popkultur bis heute sträflich vernachlässigt.

    Das hat auch damit zu tun, dass in einer männlich dominierten Öffentlichkeit der männlichen Lustwahrnehmung größere Relevanz beigemessen wird als der weiblichen – genauso wie dem männlich besetzten Sprechen über Politik und Geschäfte. Und auch dafür ist die Banja ein idealer Ort.

    Schweigsam und entrückt so steht die Banja: heilsam und unheilig, heimelig, verrucht und heimlich. Was hier passiert ist gleichsam aus der Welt und doch für sie bedeutsam, augenscheinlich … Hier die Lust auf roten Wangen … dort ein Knotenschlag im Netz der Macht gefangen.


    Reingewaschene Deals: besiegelt in heißem Dampf und Schweiß, intimer Vertrautheit und Verschwiegenheit

    Die Banja reinigt und bereinigt auf vielfältige kulturell spezifische Art und Weise. Sie läutert Menschen in ihren Statusübergängen. Ihr Wasser, so heißt es, wäscht auch anrüchige oder informelle Deals rein, und ihr spezielles Siegelwachs aus heißem Dampf, Schweiß, intimer Vertrautheit und Verschwiegenheit hält sie unter Verschluss. Laut schweigend und wortlos zeichnen sich schemenhafte Konturen politisch bedeutsamen Meinungsaustausches hinter einer dichten Mauer aus Dampf- und Rauchschwaden ab.

    Politiker wie Geschäftsleute halten das Schwitzbad in Ehren. Im Schutzraum der Banja spricht man abseits des formellen Protokolls, die Ergebnisse können dessen ungeachtet entscheidend bis weltbewegend sein. Zwar werden aus und in der Banja oft Gerüchte kolportiert, die intime, informelle und andersweltliche Qualität des heißen Raums enthebt die Gesprächsinhalte jedoch der Zitierbarkeit. Was in der Banja besprochen wird, bleibt in der Banja – so will es der Anstand.

    Zwischen den Dampfwolken einer Banja am Baikalsee soll zum Beispiel über den Abzug der sowjetischen Truppen aus Ostdeutschland verhandelt worden sein – am Ende gelang dieser mit für die Bundesrepublik vorteilhaften Konditionen. So beschreibt jedenfalls Matthias Schepp, ehemaliger Leiter der Moskauer Büros des Stern und des Spiegel, die „Saunafreundschaft“ zwischen Helmut Kohl und Boris Jelzin. Schepp, der heutige Leiter der Deutsch-Russischen Außenhandelskammer, weiß: „Banjas sind [eben] eine hochpolitische Angelegenheit.“ 📖 

    Die Themen und Details der Saunagespräche zwischen Gerhard Schröder und Wladimir Putin sind weniger an die Öffentlichkeit gedrungen. Aber auch diese Männerfreundschaft kam nicht ohne Banja aus. Die Frage einer Journalistin, ob Putin mit einem Staatsoberhaupt in die Banja gegangen sei, kann sicherlich politisch hintersinnig genannt werden. Hierauf berichtete der russische Präsident ausweichend von einem Treffen mit Gerhard Schröder, damals bereits ehemaliger Bundeskanzler, das weniger für die Weltpolitik, als viel mehr für die Banja selbst ernsthafte Folgen nach sich zog: Sie brannte komplett aus. Bevor er das brennende Gebäude verließ, habe Schröder jedoch sein Bier noch ausgetrunken. Ein lupenreiner echter Kerl – und derzeit Aufsichtsratschef des russischen Ölgiganten Rosneft . 📖 

    Kaum verwunderlich, dass die Banja auch in der Literatur zum Topos für informell verquickte Machenschaften avancierte. Im dystopischen Romanklassiker Der Tag des Opritschniks von Vladimir Sorokin  geht Protagonist Andrej Komjaga an einem Tag gleich zweimal in die Banja: Zunächst, um im Drogenrausch eine geheimbündische Verbrüderung mit anderen Opritschniks zu besiegeln – einer mafiös institutionalisierten Elitegarde. Ein weiteres Mal dann nach getaner Arbeit, zusammen mit dem Batja , Hauptopritschnik. Im heißen Dampf wird Rechenschaft abgelegt über die eingefädelten Deals und Machenschaften des informellen Geschäftstags, die Erträge werden geteilt. Tag und Geschäfte werden beschlossen in rhythmisch hierarchischer Selbstberauschung und orgienhafter Vereinigung in der Banja.

    Die Intimität des nackten Bades bietet jedoch nicht nur einen kulturell aufgeladenen Schutzraum für heimliche kriminelle Abmachungen. Oder für die internationale „Saunadiplomatie“ mit ihren informellen Deals in heißen Dampfwolken. Sondern sie spielt auch in der alltäglichen Entscheidungsfindung in Innenpolitik und Wirtschaft eine nicht zu unterschätzende Rolle. Fast jeder Russe und viele versierte Russlandkenner können aus dieser Gerüchteküche plaudern. Auch wenn medial vor allem der kriminelle Nachhall dieser Praxis sichtbar ist, zählen manche WissenschaftlerInnen die Banja neben der Jagd und dem Angeln zu den tragenden gesellschaftlichen Institutionen  – wo Staatsvertreter, Volk und Unternehmer die Möglichkeit haben, sich auszutauschen.

    Die wortwörtliche Entblößung voreinander wirkt vertrauensschaffend, suggeriert Transparenz und bietet so die vermeintlich vielfältige Möglichkeit, Geschäftspartner auch im Hinblick auf ihren Charakter besser einschätzen zu können – wie Gott sie schuf eben. Temperaturwechsel und Schläge mit Birkenruten lockern nicht nur verspannte Muskeln. Auch verhärtete Verhandlungspositionen weichen sich auf. In nackter Unmittelbarkeit rückt das Wesentliche und Menschliche stärker in den Blick und damit auch das Verständnis füreinander. Gemeinsam beseelt teilt man einen positiven emotionalen wie körperlichen Zustand gegenseitigen Vertrauens.

    Diese Fähigkeit der Banja, den Besuchern Zugeständnisse und Kompromisse zu entlocken gilt natürlich selten für alle Beteiligten in gleichem Maße. Ähnlich dem Spirituosenkonsum (und nicht selten in Kombination mit ihm) wird dies auch strategisch eingesetzt, um weniger Erfahrene mit schwächerer Konstitution zu übervorteilen. Ein geübter Banjagastgeber beschenkt und beglückt seinen Gast mit den Freuden und der Tiefenentspannung des Dampfbads. So kann er sich der Gewogenheit des Gastes (oder des Untergebenen) versichern, ihn in die Pflicht nehmen und sich in der Hierarchie der Generosität über ihn stellen. Sich in eine fremde Banja zu begeben heißt auch, sich symbolisch den Regeln und dem Walten des Gastgebers auszuliefern. Man unterwirft sich den Rutenschlägen und der Banjaordnung, man begibt sich in reale und symbolische Abhängigkeit. Banjadiplomatie wie Banjageschäftsanbahnungen haben eben ihre eigenen Prinzipien.

    Wird ein Geschäft oder ein Deal nach harter Verhandlung besiegelt, so wird er in der Banja auch begossen: Den bitteren und harten Beigeschmack der Kompromisse und die Unmenschlichkeit des (Geld-)Profits spült man in der Banja fort, innerlich wie äußerlich. Menschliche Nähe und Reinigungspraxis versöhnen die Beteiligten und läutern sie. Geld- und Politikgeschäfte gelten eben seit jeher als unreine Praxis, die eines entsprechend aufgeladenen Ortes mit anschließender ritueller Reinigung bedürfen.

    Schwitzbad, du verruchter Ort. Mit klaren Wassern spült hinfort Geister, Teufel und Gemoder. Verbrennt die alten Birkenbesen, lasst die Fackeln lodern. Fort mit Adel, Kaufmann und Kulaken, ein Neuer Mensch in Neuer Zeit werd fortan hier gebacken. Schwarze Hütten schleift der Dampf, der rote, das Volk setzt sich zum Denkmal auf die Banja fortan Schlote. 💬 


    Der schwitzende Volkskörper im Sozialismus

    Vor dem Betrachter steht ein lächelnder Arbeiter in schmutzigem blauen Hemd und mit rundem Hut. Die Hand und das Gesicht sind so schwarz, dass die weißen Zähne und das Weiß der Augen fast leuchten. Ein roter Waschlappen in der Hand verrät, was der Mann vorhat: „Geh in die Banja nach der Arbeit“ fordert ihn das sowjetische Plakat von 1932 auf.

    „Geh in die Banja nach der Arbeit“ (1932) / Unbekannter Künstler, public domain

    Die Banja war schon immer wesentliche Alltagsinstitution für Hygiene und Gesundheit. Dieser Aspekt rückt mit der Oktoberrevolution  verstärkt ins Zentrum des öffentlichen Diskurses. In den Wohnstätten der Arbeiter gibt es zunächst nur sehr selten Wannenbäder oder separate Waschgelegenheiten. Daher legen die Bolschewiki  großflächige Pläne zur Massensanitär- und Hygienekultur an: In allen städtischen Siedlungen und besonders in den beengten Arbeitervierteln sollen öffentliche Badeanstalten entstehen. In vielen solcher Bäder sind außerdem auch Wäschereien und sanitärärztliches Personal zur Seuchen- und Ungeziefervorbeugung vorgesehen.

    Das oberste Ziel der sozialistischen, „roten“ Banja ist dabei die Wiederherstellung und Aufrechterhaltung der Gesundheit und Arbeitskraft der ArbeiterInnen. 💬  In Moskau und Leningrad werden moderne Badeanstalten sogar als Sinnbilder einer roten avantgardistischen Architektur stilisiert, welche den zivilisatorischen „Volksfortschritt“ anhand einer neuen Hygienekultur für alle augenscheinlich in Stein meißeln sollen. 📖 

    Als solches Architektursymbol für den gereinigten und gesunden Neuen Menschen entsteht Ende der 1920er Jahre zum Beispiel das monumentale Gebäude der sogenannten Uschakowsker Banjas in Leningrad im konstruktivistischen Stil. Diese Monumental-Badeanstalt für den schwitzenden Volkskörper bekommt den Namen Gigant: bis zu 4000 Menschen können sich darin pro Tag waschen. Multifunktionaler Waschkomplex, Reinigung wie auf dem Förderband.

    Diese Monumental-Badeanstalt für den schwitzenden Volkskörper bekommt den Namen Gigant: bis zu 4000 Menschen können sich darin pro Tag waschen / Foto: public domain

    In kollektiver Anstrengung werden der alten unheimlichen, schwarz-rußigen Dorfbanja die Spinnen ausgetrieben. Ruch und Rauch verziehen in gemauerten Kaminschloten. Die rote Banja soll den Neuen Menschen von altem Aberglauben und dem Verhaften in der alten Zeit symbolisch reinwaschen und ihn nach wissenschaftlich-medizinischen Maßstäben zivilisieren und kultivieren.

    Kollektive Massenschwitzbäder spielen mittlerweile nur eine geringe Rolle im städtischen Leben. Öffentliche Banja in Sankt Petersburg, 2007 / Foto: Max Sher

    Solche normierten Großbadeanstalten gibt es in fast allen frühsowjetischen Siedlungsentwicklungsplänen. Mangelwirtschaft und schließlich der Beginn des Zweiten Weltkrieges durchkreuzen viele dieser Pläne jedoch wieder.

    Auch wenn kollektive Massenschwitzbäder eine gewisse Rolle im städtischen Leben spielen – nach dem Zweiten Weltkrieg beginnt der Rückzug der Banja ins Private. Es entstehen Wohnungen mit Wannenbädern und selbstgebaute Banjas im Familieneigentum. Auf die enormen Wohnraum- und Versorgungsengpässe nach dem Krieg reagiert die sowjetische Regierung, indem sie Garten- und Datschenflächen im städtischen Umland zuteilt. Von Kriegserlebnissen, realsozialistischer Mangelwirtschaft und Repression desillusioniert, sehnen sich die Menschen nach unbeschwerten Rückzugsorten und stärker individualisierten, nicht-kollektiven Freizeitvergnügungen. Zum Inbegriff des spätsowjetischen Familienglücks avanciert so ein Gartenhäuschen mit Gemüse- und Blumenbeeten – und unbedingt auch einer kleinen Banja.

    Die Banja wird wieder aus ihrer teils wahnhaften Zivilisierungsmission entlassen, mittels Hygienepraktiken einen neuen, kollektiv denkenden Menschen zu formen. Zur Aufrechterhaltung der Arbeitskraft setzt man stattdessen nun formal auf individuelle Verantwortung. In der Banja gedeiht ein Biotop gesundheitlicher Selbstfürsorge: Eine neue Ratgeberliteratur empfiehlt allerhand Kräuteraufgüsse, Honig-, Salz- und Schlammkuren. 📖  Gleichzeitig entwickeln sich diese privaten Banjas auch zu informellen Orten des Rückzugs ins Private und zu dampfenden Schutzräumen, in die der lange Arm des sozialistischen Staates kaum mehr reicht.

    Aus Schwarz durch Rot zum Weiß, doch zu welchem Preis? Die Axt der neuen Zeit fällt alte Bäume, doch schlägt sie auch tiefe Wunden; Körper, Geist und Seele sind geschunden. Nur wer’s schwingt, das rote Beil, der bestimmt der Welten neue Träume.


    Wo die Hüllen fallen, kehrt sich das Innerste nach außen

    Das russische Schwitzbad ist wolkige Trutzburg vor den Übeln dieser Welt, Hort der Beseelung und Seligkeit, körperlich wie geistig. Anstandszwänge, Schein und Selbstbetrug des hierarchisch reglementierten Alltags – hier gibt es sie nicht. Denn: Die Banja kennt keine Generäle, besagt der Volksmund. Vor der Birkenrute sind in Nacktheit alle gleich. Diese Gleichheit beinhaltet auch eine unverblümte Ehrlichkeit: Wo die Hüllen fallen, braucht man kein Blatt vor den Mund zu nehmen, das Innerste kehrt sich nach außen.

    Diese Eigenschaften machen die Banja besonders im Spätsozialismus zu einer geschätzten informellen Institution: Das meist aus industriellen Restmaterialien zusammengezimmerte Saunahäuschen der Datschenkolonien bietet einen temporären Fluchtort vor dem Druck der Gesellschaft und des Alltags. Es ist Herz- und Seelenstück der inneren Emigration und Dissidenz. Und Gegenentwurf zu alltäglicher, leerer Formelhaftigkeit, zur sinnentleerten Planerfüllung auf dem Papier 💬 , wie sie in der sogenannten Ära der Stagnation unter Breshnew zur Normalität wurde.

    In der Banja schwitzt man nun im intimen Kreis von Vertrauten, mit Kollegen und Freunden, außerhalb von formellen Kollektiven mit ihrer politischen Selbstkontrolle. Vergleichbar mit den berühmten Küchengesprächen oder Garagen, bietet die Banja auf der Datscha einen perfekten, fast abhörsicheren Schutzraum. Hier kann man unter seinesgleichen freizügig und in beseelter, sinnerfüllter Atmosphäre (duschewno) über Politik und persönliche Angelegenheiten diskutieren. Selbst derbste Flüche  werden als Ausdruck seelisch-emotionaler Bewegtheit wohlwollend toleriert, ja als Begleiterscheinung tiefer Ehrlichkeit (iskrennost 📖 ) befürwortet – die Banja als Fenster zur Seele der Menschen. Im Dampfbad treffen und verfestigen sich Cluster informeller Netzwerke (tussowki ). Hier werden soziale Beziehungen im Graubereich sowie Tauschbeziehungen außerhalb staatlicher Kontrolle beschlossen (po blatu 📖 ). Bis heute gilt die Banja als wichtiger Teil einer Schatten- und Parallelkultur unterhalb des formellen Radars.

    In Wladimir Wyssozkis  charismatischem Bardenlied über die „weiße Banja“ hilft das Schwitzbad einem ehemaligen Lagerhäftling seine Traumata und enttäuschten Hoffnungen zu verarbeiten. In der Hitze wird ihm schwindelig und seine „Zunge löst sich im Dampf“ – so der Refrain. In der Banja kann er endlich sprechen über etwas, das im Nachkriegssozialismus sonst eisernem Schweigen unterlag: seine schmerzhafte Lagererfahrung  der Stalinzeit – ein Schicksal, dass Millionen Menschen in der Sowjetunion mit der Hauptfigur teilen mussten. Die Banja wird im Lied für ihn, stellvertretend für eine ganze Generation, zu einer Art rituellen Therapie. Durch symbolische Selbstgeißelung und Erduldung verspricht sie die verdrängten Schmerzen in seelische Tiefe zu transformieren – wunde Narben als Trophäen menschlicher Größe:

    „Mit der Rute aus Birken erschlage ich
    Dieses Erbe der düsteren Zeit“

    Die Banja als Ort der ehrlich-offenen psychologischen Verarbeitung und des Wendepunkts oder Neuanfangs taucht auch in vielen anderen literarischen und künstlerischen Werken des Spätsozialismus auf: etwa in Schukschins  Geschichten und Filmen vom russischen Dorf 📖 , oder wiederum im Film Ironie des Schicksals.

    In diesen und anderen Werken stehen auf der einen Seite formelhafte Utopien einer frohen kommunistischen Zukunft, auf der anderen aber auch Brüche, Verletzungen und Frustration der Protagonisten in ihrem realsozialistisch überformten Alltag. Persönlich leidvolle Erlebnisse aus Krieg , Repression  und Kollektivierungszwang , aber auch alltäglichere Depressionen des gleichförmigen grauen Plattenbauten -Alltags werden in der Banja reflektiert und förmlich ausgeschwitzt. Das Dampfbad funktioniert dabei wieder als Ort des Übergangs: Es markiert symbolisch schicksalhafte, private Wendepunkte, Heilung und Erneuerung. Durch die (meta-)physische Ehrlichkeit der Banja geerdet und neu ausgerichtet erhalten die Menschen neuen Mut, selbsttätig und gegen Widerstände mit ihren Problemen des sozialistischen Alltags fertig zu werden.

    Das stumme Erdulden von unermesslichem und unaussprechlichem epischem Leid wird in Russland häufig als eine der stärksten Erscheinungsformen wahrer menschlicher Größe und seelischer Tiefe gedeutet. Aus dem Alltag herausgerissen verwandelt sich dieses Leid in den Nebelwolken des Schwitzbads zur Passion. Die Beseeltheit und Ehrlichkeit, die mit dem russischen Dampfbad assoziiert werden, machen die Banja in der Selbstwahrnehmung auch zu einem genuin russischen Phänomen – analog zur russischen Seele (russkaja duscha 📖 ) oder zum russischen Geist (russki duch). 💬 

    O Banja, Ruch und Rauch ist abgeschieden, in dir suchten Menschenseelen Frieden. Und doch reißt wieder alles um dich ein. In der Brandung stehst du ehern, fest und rein – altehrwürdig hölzerne Kapelle.


    Wo die Gefühle rein, die Menschen nackt und die Russen Russen sind

    Ein finnischer Student forscht zu russischen Bräuchen und Traditionen. Er macht sich auf nach Russland, um die Besonderheiten der russischen Jagd  (1995) und später auch die Besonderheiten des Angelns in Russland  (1998) – so die Titel der beliebten Filmsatiren – am eigenen Leib zu erfahren. Auf der Datscha eines Generals werden ihm die elementaren Bestandteile der Jagd als nationaler russischer Institution nahegebracht. Schnell wird klar: Die Jagd ist Nebensache, der Weg dorthin ist das Ziel. Und dazu braucht es Banja, Wodka und einen Bären. Zur Vorbereitung geht es in die Banja, ein junger Bär verirrt sich in den Banjavorraum und berauscht sich am Wodka. Der brummelnde General bekommt von seinen Untergebenen einen dem Bären zugedachten Hieb verpasst und wird ohnmächtig. Der betrunkene Bär entfleucht unbehelligt und wälzt sich glücklich im Feld.

    In diesem postsowjetischen Slapstick der Stereotype bleibt nach der Auflösung der sozialistischen Ideologie nur ein Fixpunkt russischer nationaler Identität unangetastet: die Banja. Sie ist das unbefleckte Symbol der Läuterung und nationalen Wiedergeburt – allen krummen Machenschaften, dem Bedeutungsverfall alter Systeme, dem Wodka, dem Bären und den Finnen zum Trotz.

    Die Banja als ur-russische nationale Identitätsreferenz funktioniert nicht nur im Film: So soll dem damaligen Präsidenten der noch sowjetischen Russischen Teilrepublik Boris Jelzin  ausgerechnet im russischen Dampfbad eine entscheidende göttliche Eingebung gekommen sein – nämlich, dass Russland unter seiner Führung und unter einem nationalen Stern aus dem gescheiterten, nur noch fassadenhaften Sozialismus geführt werden müsse. „Dass all dies im Schwitzbad geschah, hat für mich eine symbolische Bedeutung“, schreibt Jelzin in seinen Notizen des Präsidenten. „Das Schwitzbad reinigt. Dort sind alle Gefühle rein und die Menschen nackt.“

    Mit dieser mythenhaschenden Geschichte von der Geburt der Nation aus dem Geist der Banja reiht sich Boris Jelzin ein in den langen Kanon russländischer Herrscher, deren öffentlich bekundete Banja-Verehrung zu einem heimlichen Schlüsselsymbol des nationalen Herrschaftsanspruches stilisiert wurde. Die Volkslegende will es zum Beispiel, dass die Banja bei der Enttarnung falscher Thronerben in der sogenannten Zeit der Wirren Anfang des 17. Jahrhunderts eine zentrale Rolle spielte: Lshedimitry I. gab sich für den ermordeten und wundersam heil gebliebenen Sohn des Zaren Iwan des Schrecklichen aus – als Hochstapler aus dem Ausland soll Lshedimitry schließlich eben deswegen enttarnt worden sein, weil er die Banja mied. 💬 

    In der Zeit der Perestroika  und in den 1990er Jahren  avancierte die Banja wieder zum unbefleckten und scheinbar unbeschädigten Heiligtum nationaler Identität und Wiedergeburt. Dass in den Schwitzbadwolken diverse Gemeinplätze wie die russische Seele, die sprichwörtliche russische Leidensbereitschaft, das melancholisch-euphorische gesellige Betrinken und die Alltagsflucht zusammen mit den alten slawischen Ritualen, Traditionen und der Spiritualität kondensiert sind, prädestiniert sie dafür. In der Banja spiegelt sich der Wunsch nach Übergang. Nach Reinigung von Altlasten. Nach ideologiefreien, positiv erlebbaren Anknüpfungspunkten nationaler Selbstbestimmung.


    Die Ideen- und Formenwelt der Banja hat eine lange Reise mit vielen Veränderungen durchgemacht und begleitet die Ostslawen seit mindestens anderthalbtausend Jahren: als magisch-mystische Kultstätte und ambivalentes Tor zur Geister- und Ahnenwelt, als Geburts-, Kranken- und Totenbett, als sündhafter Ort der Teufel, Spinnen und des Aberglaubens, aber auch als Ort des Brauchtums, der rituellen Reinigung, Läuterung und der Lebensstatusübergänge; als Ort voyeuristischer Fremd- und Selbstexotisierung, der erotisch lustvollen Anspielungen, als Besiegelungsort für Politik und Geschäfte; als Hygieneinstitution, als Schmiede des Neuen Menschen, als informeller Schutzraum ambivalenter Vertrautheit, innerer Emigration und schattenweltlicher Machenschaften; als Ort des privaten Vergnügens, aber auch der Generationentherapie und individueller Lebenswendepunkte; als Ort gelebter, tief empfundener Ehrlichkeit und Beseeltheit; schließlich symbolisch als Nationalheiligtum und Austragungsstätte der nationalen Wiedergeburt – aber eben auch als kommerzielle Marke, Esoterikkult und abgedroschenes Stereotyp.

    DIE Banja. Es gibt sie nicht. Und doch schimmert ihr Idealbild durch all diese mannigfachen Bedeutungen und Rollen, die bis heute fortexistieren: mal im parallelen Nebeneinander, mal zur Collage vermischt oder symbolträchtig verwoben. Slawische oder quasislawisch-esoterische Saunatraditionen werden gerade in den letzten Jahren als russische Variante des weltweiten Beauty- und Wellnesshypes wieder aufgegriffen. Und auch globale Saunatrends haben längst Einzug in die Banja gehalten: Etwa in Form von Infrarotöfen und Duftölbedampfung in gewinnorientierten Wellnesskomplexen.

    Die Banja ist noch immer Ort informeller Politik und der Ort, an dem die Geschäftsabschlüsse im wahrsten Sinne des Wortes begossen werden. Die Banja auf der Datscha gilt heute vor allem (wieder) als intimes familiäres Heiligtum und nostalgischer Rückzugsort.

    Die Strahlkraft des Bildes einer echten russischen Banja aber bleibt bei allen Trends und Neuerungen, bei aller Kritik und allem Wandel, bei aller historischen wie kulturellen Reflexion ungetrübt – und sei es nur in Reminiszenz einer Volksweisheit, aufgedruckt auf einem Saunafilzhut chinesischer Massenproduktion 🖼 .


    Knarzend reißt die niedere Holztür der alten Blockhütte auf, die Kälte von draußen brennt sich in Haut und Lunge, die Hitze von innen entweicht in Wolken heißen, dichten Dampfes. Jetzt: Rennen. Nackt und mit hochrotem Kopf, schreiend durch den Schnee und den eisigen Wind des nordrussischen Winters. Immer in Richtung des seichten Flussufers zum Eisloch hin, das sich gleich wieder mit einer zarten Kristallschicht überzieht. Birkenblätter kleben noch auf der dampfenden Haut – stille Zeugen heißer Birkenrutenhiebe. Und rein. Im frostigen Wasser stockt der Atem: eins … die Gedankenzüge reißen ab; zwei … Welten versinken in dumpfer Taubheit; drei … Nadelstiche tief unter die Haut; … und raus. Benommenes Wanken, ein Pochen in den Schläfen.

    Schnell zurück und ins angewärmte Handtuch –

    aaaah …

    Es ist ein Gefühl wie neugeboren, so gereinigt an Körper, Geist und Seele. Im wohlig warmen Vorraum der Blockhütte stehen Vorspeisen und leicht alkoholische Getränke bereit. „S ljogkim Parom!“ erklingt traditioneller Segensspruch, Wunsch und Gruß zum Abschluss der klassischen russischen Dampfsauna. So russisch, dieses „Wünsche leichten Dampf!“, dass es sich kaum übersetzen, sondern nur erleben lässt. Die Banja – ein russisches Seelenstück …


    Die Longread-Gnose* [bánja]: Eine Reise in die Nebelwelten des russischen Schwitzbades ist eine Publikation von dekoder-lab**.

    Text und Dichtungen: Christian Buchner 
    Redaktion: Leonid A. Klimov und Tamina Kutscher
    Illustrationen: Lena Gordejewa
    Programmierung und Design: Daniel Marcus
    Schlussredaktion und Content Management: Alena Schwarz
    Freude am Tun: alle zusammen

    * Wer sich schon immer fragte, „Was, bitte schön, sind Gnosen?“
    Als Gnosen werden bei dekoder Expertentexte bezeichnet, die WissenschaftlerInnen von Forschungsinstituten für dekoder schreiben. Nicht Pro-gnosen, nicht Dia-gnosen, sondern einfach kurz: Gnosen. Von griechisch gnosis (Wissen, Erkenntnis). Eine typische dekoder-Gnose ist ein kurzer Informationstext, mehr als nur eine Randbemerkung, aber auch keine ausführliche Abhandlung. Sie vermittelt echten Erkenntnis-Mehrwert, knapp und übersichtlich, ohne wissenschaftlichen Jargon. Die Banja-Gnose ist ein Experiment, der Versuch, die etablierte dekoder-Gattung in eine Langform umzuwandeln.

    ** Und was ist dekoder-lab?
    Wir stiften Freude. Freude an der Komplexität. Denn viele Dinge sind komplex und gerade deswegen bereiten sie Freude. Freude, frei zu sein. Freude an der Vielfalt. Freude, zu wissen und zu denken. Selbstverständlich ist das jedoch nicht immer. Es ist ein Prozess. Also doch auch eine Anstrengung. Aber wie wäre es, wenn die Freude zuerst kommt?

    Genau das wollen wir!

    Wir stellen die etablierten Mechanismen des Wissenstransfers in Frage und probieren neue Wege und neue Formate aus. Wir experimentieren mit Formen, Themen und Sprache. Es ist ein Labor, ein dekoder-lab.

    dekoder-lab ist eine Initiative von dekoder.org, die in Zusammenarbeit mit der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen und der Universität Basel entstanden ist. Sie ist aus dem Projekt Wissenstransfer hoch zwei hervorgegangen, das mit Unterstützung der VolkswagenStiftung und der Stiftung für Medienvielfalt in Basel ermöglicht wurde. Und sie bietet eine offene Plattform für alle, die das Wissen als Wert empfinden und die andere für das Wissen begeistern wollen. Der Aufbau von dekoder-lab wird von der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius unterstützt.

    Kommen Sie! Tauchen Sie ein! Öffnen Sie die schwere Holztür des Wissens und gehen Sie zusammen mit dekoder-lab in eine volle Welt, die genau so bleiben kann. Wir schätzen sie in ihrer Komplexität, weil sie eine Freude ist.

    Förderer:

    dekoder-lab wird von der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius gefördert

    Das Projekt Wissenstransfer hoch zwei: Russlandstudien im gesellschaftlichen Dialog in Kooperation mit der Universität Basel wird von der Stiftung für Medienvielfalt (Basel) unterstützt