Böse Geister

Text: Jelena MakejenkoÜbersetzung: Ruth Altenhofer11.11.2021

Ein antinihilistisches Pamphlet als finstere und faszinierende Tragödie einer Welt, die Sinn und Harmonie verloren hat

Wovon handelt dieses Buch?

Der teuflisch schöne Nikolaj Stawrogin und Petruscha Werchowenski, Sohn eines Hauslehrers, kehren gleichzeitig aus dem Ausland in ihre Provinzstadt zurück. Nach ihrer Ankunft geschehen merkwürdige Dinge: Skandale, Brände, Morde. Politische Intrigen werden gesponnen, die Gerüchteküche brodelt, jeder hat eine Leiche im Keller. Innerhalb eines Monats verwandelt sich das beschauliche Städtchen in einen Höllentrichter, die meisten der handelnden Personen kommen ums Leben, werden verrückt oder laufen davon. Dostojewski kreiert ein antinihilistisches Pamphlet und schreibt die finstere und faszinierende Tragödie einer Welt, die Sinn und Harmonie verloren hat.

Wie ist es geschrieben?

Der Roman ist eine Chronik, geführt von einem jungen Mann, der Zeuge und manchmal Beteiligter der Ereignisse ist: Anton Lawrentjewitsch, in der Literaturwissenschaft oft „Chronist“ genannt. Er versucht, die Geschehnisse in der Stadt im September/Oktober eines Jahres genau und objektiv festzuhalten, doch je nach eigener Verstrickung lässt ihn seine Objektivität im Stich, und manche Episoden muss er aus eigener Phantasie ergänzen.

Um das Geschehene zu erklären, vertieft sich der Chronist in die Biografien der Helden in den letzten zwanzig Jahren und fügt seinem Bericht Rückblenden und Vorwegnahmen hinzu. Sie lassen den Eindruck entstehen, der Roman enthalte viele Lücken und Ungereimtheiten, dabei ist die Welt der Bösen Geister [russ. Titel: Bessy; im Deutschen in älteren Übersetzungen auch Die Dämonen oder Die Besessenen], bis auf die Minute genau durchgetaktet, wie die Dostojewski-Forscherin Ljudmila Saraskina zeigte. Der Roman verlangt vom Leser nur die nötige Aufmerksamkeit. Eine richtige Lücke besteht lediglich zwischen den Kapiteln acht und neun: Hier, in der Mitte des Romans, sollte das Kapitel Bei Tichon stehen, das der Herausgeber des Russki Westnik1, Michail Katkow, aus Zensurgründen nicht publizieren wollte. In modernen Ausgaben wird die fehlende Passage im Anhang angefügt: Darin legt Nikolaj Stawrogin die Beichte ab und kündigt seinen Selbstmord an.

Wie ging es weiter?

Nach Revolution und Bürgerkrieg wurde aus den Bösen Geistern ein Roman, dessen Lektüre von der politischen Einstellung des Lesers abhing und oft auch davon, auf welcher Seite der sowjetischen Grenze er sich befand.

Größter Gegner der Bösen Geister war Maxim Gorki, der den Roman reaktionär und sozial schädlich schimpfte und damit den Grundstein für die sowjetische Tradition seiner Rezeption legte. Schon 1913, als er forderte, eine Inszenierung des Stoffs am Moskauer Künstlertheater zu verbieten, nannte er Dostojewski ein „grausames Genie“ und seinen Roman „einen dunklen Fleck böswilliger Misanthropie im hellen Schein der russischen Literatur“.2 In der Sowjetunion wurden die Bösen Geister nur zweimal publiziert: einmal in Dostojewskis gesammelten Werken, und schließlich endete der einzige Versuch, den Text als eigenes Buch in zwei Bänden herauszugeben – 1935 im Wissenschaftsverlag Academia – mit der Vernichtung des ersten Bandes der Auflage. Dabei hatte Gorki in der Prawda gerade diese Ausgabe besonders verteidigt in einer polemischen Diskussion mit dem Kritiker David Saslawski3, der die Bösen Geister „literarischen Faulschlamm“ nannte. Trotzdem stand am Ende der Polemik ein Verbot, das sich bis 1957 hielt.

Die symbolistische Kritik und die Existenzialisten erklärten die Bösen Geister zu einem prophetischen Buch, was zu einem Klischee wurde und ihm einen Stempel aufdrückte, der nach der Perestroika wiederauflebte. „Jetzt, nach der Erfahrung der Russischen Revolution, müssen sogar die Feinde Dostojewskis zugeben, dass der Roman Böse Geister ein prophetisches Buch ist“, schreibt 1918 Nikolaj Berdjajew. „Dostojewski sah in geistiger Schau, wie die Russische Revolution verlaufen wird und nicht anders verlaufen kann. Er sah die unvermeidliche Dämonie der Russischen Revolution voraus. Der russische Nihilismus, der sich in der Geißel der russischen Urgewalt auswirkt, kann nicht anders als ein besessenes Toben, als ein rasender Wirbelsturm sein. Eben dieser rasende Wirbelsturm ist in den Bösen Geistern beschrieben. Dort wütet er in einer Kleinstadt. Heute rast er über das ganze unermessliche russische Land.“

Friedrich Nietzsche unterzog den Roman und insbesondere die Figur des Alexej Kirillow einer gründlichen Analyse. Albert Camus schrieb 1959 eine Theaterfassung der Bösen Geister, und in seinem berühmten Essay Der Mythos des Sisyphos schrieb er ebenfalls über den Roman und Kirillow. Böse Geister wurde in Deutschland, Italien, Mexiko und Polen mehrmals und in Russland nach 1991 wieder inszeniert und verfilmt.

Original: Polka, Bessy


Fußnoten

Literarisch-politische Zeitschrift (1856–1906), gegründet von Michail Katkov. Ende der 50er Jahre vertrat die Redaktion eine gemäßigt liberale Position, mit Beginn der 60er wurde der Russkij Vestnik zunehmend konservativ und fast schon reaktionär. Über die Jahre veröffentlichte die Zeitschrift zentrale Werke russischer Klassiker: Anna Karenina und Krieg und Frieden von Tolstoj, Verbrechen und Strafe und Die Brüder Karamasov von Dostoevskij, Vorabend und Väter und Söhne von Turgenev, Die Klerisei von Leskov.

Gor’kij, M. O. (1953): O «karamazovščine» // Sobr. soč.: V 30 t. T. 24: Stat’i, reči, privetstvija, 1907–1928, Moskva, S. 146-150

David Iosifovič Zaslavskij (1880–1965) – Literaturwissenschaftler, Publizist. Seit 1903 war er Mitglied des „Bund“, einer jüdisch-sozialistischen Partei, er schrieb Kurzgeschichten und im Feuilleton des „Kievskich vestej“, in den Zeitschriften „Sovremennyj mir“und „Russkaja mysl’“, arbeitete bei der menschewistischen Zeitung „Den’“. Nach der Revolution schloss er sich den Bolschewiki an, ab 1928 arbeitete er für die „Pravda“. Während des Krieges war er Mitglied des Jüdischen Antifaschistischen Komitees. Er beteiligte sich an den Hetzkampagnen der Presse gegen Mandel’štam, Pasternak und Šostakovič.