Arme Leute

Text: Tatjana Trofimowa Übersetzung: Ruth Altenhofer11.11.2021

Liebesroman ohne Happy End: In den Briefen zwischen einem mittellosen Beamten und einem armen Mädchen verleiht Dostojewski den bisher stummen Helden der Petersburger Unterwelt eine eigene Stimme

Wovon handelt dieses Buch?

Der mittellose Beamte Makar Dewuschkin schreibt dem ebenso armen Mädchen Warenka Dobrosjolowa Briefe. Er versieht seit 30 Jahren auf demselben Posten seinen Dienst, kopiert Dokumente und träumt von neuen Stiefeln; sie lebt allein bei einer älteren Verwandten, hält sich mit Näharbeiten über Wasser und sehnt sich zurück in ihre unbekümmerte Kindheit. Dewuschkins Briefe werden zu Alltagsskizzen der Petersburger Mietsunterkünfte und ihrer Bewohner. Warenka ist traurig und macht ihm Vorwürfe wegen unnützer Sorgen um sie. Dostojewski verbindet hier den gefühlsbetonten Briefroman mit aktueller, naturalistischer Thematik1 und lässt die Fabel mit einer plötzlichen Dissonanz enden: Die sentimentale Warenka entscheidet sich für eine Vernunftehe und bricht den Briefwechsel ab; Makar Dewuschkin kann diesen Verlust nur schwer verkraften.

Wie ist es geschrieben?

Arme Leute [russ. Titel: Bednyje ljudy] ist ein Briefroman, eine typische Form der Empfindsamkeit, als dessen Prototyp in der westeuropäischen Literatur oft Julie oder Die neue Heloise von Jean-Jacques Rousseau genannt wird. Der Briefroman diente ursprünglich dazu, die Geschichte zweier Liebender zu erzählen, die aufgrund der Umstände getrennt sind und gezwungen, anhand von Briefen zu kommunizieren, die sie mit detaillierten Beschreibungen ihres Erlebens und Empfindens füllen.
Einer der ersten russischen Autoren, die sich dieser Tradition anschlossen, war Nikolaj Karamsin mit seiner Erzählung Die arme Lisa, in der er – wenn auch nicht in Briefform – die Gefühlswelt der einfachen Leute schilderte und auf die der Romantitel Arme Leute anspielt. Dostojewski wählte diese Mitte der 1840er Jahre bereits in Vergessenheit geratene Form, füllte sie jedoch mit untypischem Inhalt: dem beschwerlichen Alltag der kleinen Leute, also mit einer Realität, die erst einige Jahre zuvor entdeckt worden war – von Autoren von Alltagserzählungen und -skizzen und von der kanonischen naturalistischen Schule. Dostojewski verlieh den bisher stummen Helden der Petersburger Unterwelt eine eigene Stimme, in der sie von sich und ihrem Leben erzählen.

Warenka Dobrosjolowa und Makar Dewuschkin, Illustrationen von Pjotr Boklewski / © gemeinfrei

Wie ging es weiter?

Gleich nach Beendigung seiner Arbeit an den Armen Leuten begann Dostojewski die Erzählung Der Doppelgänger, in deren Mittelpunkt der Titularrat Goljadkin steht (denselben Rang hatte auch Makar Dewuschkin inne), der auf rätselhafte Weise plötzlich einen Doppelgänger bekommt. Beide Erzählungen wurden praktisch gleichzeitig in der Zeitschrift Otetschestwennyje Sapiski abgedruckt. In den folgenden drei Jahren konnte der Schriftsteller enorm viele Ideen umsetzen: die Erzählungen Die Wirtin, Das schwache Herz, Weiße Nächte, die erst später publizierte Netotschka Neswanowa, Herr Prochartschin und viele andere. Doch an den Erfolg von Arme Leute konnte keines von ihnen anknüpfen; die Aufmerksamkeit von Kritikern und Publikum wurde mit jedem neuen Werk schwächer. Dostojewski war über Nacht berühmt geworden und verlegte sich danach sogleich auf den phantastischen Realismus, bei dem die reale Welt unter grotesk-phantastischen Einflüssen auf subtile Weise verzerrt wird – seine Popularität konnte er damit jedoch nicht aufrechterhalten.
Auch der Erfolg von Arme Leute erwies sich trotz umgehender Übersetzungen ins Deutsche, Französische und Polnische als nicht allzu beständig: Die Reaktionen auf die Einzelausgabe des Romans, für die Dostojewski seinen Text aufwändig überarbeitete und kürzte, hielten sich in Grenzen. In vielerlei Hinsicht war das auf die Weiterentwicklung seiner schriftstellerischen Herangehensweise zurückzuführen: Nachdem er 1849 für zehn Jahre aus dem literarischen Prozess herausgefallen war [durch Strafkolonie, Zwangsarbeit und Verbannung – dek], versuchte er bei seiner Rückkehr, das Thema der Erniedrigten und Beleidigten wieder aufzugreifen. Nach dieser Zäsur erlangte er jedoch erst mit ganz anderen Werken Popularität, mit Romanen über die dunklen Seiten des Menschen wie Verbrechen und Strafe .

Original: Polka, Bednyje Ljudi


Fußnoten

Literarische Bewegung der 1840er Jahre, erste Stufe der Entwicklung des kritischen Realismus. Die natürliche Schule zeichnet sich durch ein soziales Pathos aus, durch Alltagsbezug, ein Interesse an den unteren Gesellschaftsschichten. Zu dieser Bewegung werden Nekrasov, Černyševskij, Turgenev, Gončarov gezählt. Die Entstehung dieser Schule wurde maßgeblich durch das Werk von Gogol’ beeinflusst.