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Ein Feiertag im Rauch des Krieges

<a href="https://www.dekoder.org/de/person/andrej-kurkow">Andrej Kurkow</a>Text: <a href="https://www.dekoder.org/de/person/andrej-kurkow">Andrej Kurkow</a>
Übersetzung: Ruth AltenhoferTitelbild: Unabhängigkeitsdenkmal „Fliegende Ukraine“ in Charkiw, März 2022, © Alina Smutko24.08.2022

Seit Beginn des russischen Angriffskrieges gegen seine Heimat hat der Schriftsteller Andrej Kurkow seine literarische Arbeit eingestellt – vor allem die an einem neuen Roman, einem historischen Kriminalroman, der in der Zeit zwischen 1918 und 1921 angesiedelt ist, als die Bolschewiki versuchten, die Ukraine zu übernehmen. Die Realität hat Kurkow längst eingeholt, denn genau das ist auch das Ziel der heutigen russischen Führung: die ukrainische Unabhängigkeit zu beseitigen. In diesem Text erklärt Kurkow, woher der starke Unabhängigkeitswille seiner Landsleute rührt und was der Tag der Unabhängigkeit in Zeiten des Krieges bedeutet.

Der Krieg hat mich auf eine endlose Reise um die Welt geschickt. Er hat mich nicht als Flüchtling aus der Ukraine nach Polen oder Litauen umgesiedelt, sondern hat mir Dutzende Flug- und Bahntickets beschert. So bin ich seit Mitte März ein vagabundierender ukrainischer Schriftsteller, der in Dutzenden europäischen Ländern und in den USA erzählt, was in meiner Heimat, in der Ukraine, vor sich geht.

Ich bin Deuter von Träumen und Hoffnungen der Ukrainer, bin Lehrer der vereinfachten Geschichte – meist habe ich nur eine Stunde Zeit, um meinem Publikum den Unterschied zwischen ukrainischer und russischer Geschichte zu erklären und die wichtigsten Ereignisse und Tragödien im 400-jährigen Konflikt zwischen dem Russischen Reich und der Ukraine aufzuzählen und zumindest das Wichtigste zu vermitteln. Denn Europäer und Amerikaner wissen kaum etwas über die Ukraine und die Ukrainer, über die ukrainische Kultur und Mentalität. Eine Unterstützung der Ukraine ohne Wissen über Land und Leute, das ist schlichtweg Empathie für das Opfer, Empathie für die Dauer des Krieges. Ja, das Opfer Ukraine leistet dem Aggressor erbitterten Widerstand. Doch der Grund für diesen erbitterten Widerstand ist den Europäern nicht ganz klar. Also versuche ich, den Widerstandswillen des ukrainischen Volkes in dem Krieg gegen die riesige Armee des riesigen Imperiums zu erklären.

Das mache ich nun schon ein halbes Jahr, während die Fertigstellung meines Romans auf spätere, hoffentlich friedlichere Zeiten wartet.

Europa nimmt die Ukrainer freundlich auf

Wenn ich ins Ausland fahre, sehe ich mich in jeder neuen Stadt nach ukrainischen Flaggen um. Manchmal finde ich auf den Rathäusern oder in den Fenstern der Wohnhäuser keine, dann beschleicht mich ein bedrückendes, unruhiges Gefühl. Eindrücke aus der letzten Zeit: zwei riesige ukrainische Flaggen beidseits des Eingangs des riesigen Rathauses von Brest in der Bretagne, eine riesige ukrainische Fahne auf dem Rathaus von Morlaix, keine ukrainische Fahne auf dem Rathaus von Montpellier, dafür vier wehende ukrainische Fahnen auf der Oper von Montpellier.

So unterstützen Europa und die Welt die Ukraine, ihre Unabhängigkeit und Staatlichkeit. Acht bis zehn Millionen ukrainische Flüchtlinge in Europa und auf anderen Kontinenten sehen sich nach ukrainischen Flaggen um, bleiben mit ihren Blicken daran hängen, halten inne. Erinnern sich an ihr Zuhause, an Verwandte und Freunde, die in der Ukraine geblieben sind und vielleicht sogar unter Besatzern leben, auf heimatlichem Grund und Boden, den der russische Aggressor an sich gerissen hat.

Europa nimmt die Ukrainer freundlich auf. Vor meinen Augen werden die 70-jährige Halyna aus Drushkiwka bei Donezk, ihre beiden Töchter und ihre Enkelin mitsamt ihrer Katze aus dem Flüchtlingsheim in Montpellier in eine eigene Wohnung in einem französischen Dorf übersiedelt. Als die örtlichen Behörden erfuhren, dass Halyna ihren Gemüsegarten vermisst, stellten sie ihr ein Beet zur Verfügung. Ich habe sie in diesem Dorf noch nicht besucht, aber ich bin mir sicher, dass auf der Fassade des Amtsgebäudes in diesem Dorf neben der französischen und der europäischen Fahne auch die gelb-blaue ukrainische Fahne weht.

Ich erinnere mich an eine Begebenheit mit zwei ukrainischen Fahnen in Sewerodonezk im Jahr 2015. Damals gab es auf der Hauptstraße der Stadt – dem Hwardiisky-Prospekt – ein kleines Café, dessen Besitzerin eine gewisse Tanja aus dem russischen Sotschi war. Den Separatisten und der russischen Armee war es damals nicht gelungen, Sewerodonezk einzunehmen, sie waren wenige Kilometer vor der Stadt gestoppt worden. Tanja brachte als Zeichen ihrer Unterstützung für die ukrainische Armee zu beiden Seiten der Eingangstür ukrainische Flaggen an. Sie wurden in der Nacht gestohlen. Sie besorgte sich neue und hängte sie auf. Am nächsten Morgen waren sie wieder weg. Da begann sie, ukrainische Flaggen aufzuhängen, wenn sie ihr Café aufsperrte, und sie beim Schließen wieder abzunehmen. So sahen die Menschen in Sewerodonezk von der Ferne, ob das Café offen hatte oder nicht. Auch jene, die auf dem Hwardiisky-Prospekt in die heute von den Russen zerstörte Fabrik Asot zur Arbeit fuhren, sahen die Fahnen und wussten, dass in Sewerodonezk noch immer die Ukrainer an der Macht waren. Als ich das erste Mal in Tanjas Café war, fragte ich sie: „Was ist das WLAN-Passwort?“ „Slawa Ukrajini!“, sagte sie. Ich gab die übliche Antwort: „Herojam slawa!“, und fragte noch einmal nach dem Passwort. „‚Slawa Ukrajini‘ ist das WLAN-Passwort“, sagte sie lächelnd.

‚Was ist das WLAN-Passwort?‘ ‚Slawa Ukrajini!‘

Ich weiß nicht, wo Tanja jetzt ist und ob sie noch lebt. Ich weiß, dass sie in der unabhängigen Ukraine leben wollte und deswegen aus Russland nach Sewerodonezk gezogen war. Ich weiß, dass heute in Sewerodonezk keine ukrainischen Flaggen hängen. Aber das geht vorbei. Die Flaggen von Besatzern halten sich auf erobertem Territorium selten lang.

Kürzlich ging im Zentrum der besetzten Stadt Melitopol ein junger Mann auf die Straße, packte vor aller Augen eine ukrainische Flagge aus und hängte sie sich um. Natürlich nahmen ihn sofort russische Soldaten fest. Aber davor hatten Dutzende Stadtbewohner diesen Moment der Tapferkeit gesehen und auf der Kamera verewigt. Diesen Moment der Bekundung des freien Willens und der Unabhängigkeit sogar unter gefährlichsten Bedingungen.

Was bringt die Ukrainer dazu, ihr Leben für die Freiheit und Unabhängigkeit ihres Landes zu opfern?

Auch die Europäer und die Amerikaner sehen sich nach den ukrainischen Fahnen um. Für sie sind es fremde Flaggen, Flaggen eines anderen Staates. Aber sie helfen ihnen, die heutige Welt, die heutige geopolitische Situation zu verstehen. Sie zeigen den Bürgern die politische Haltung ihrer Regierungen, ihrer führenden Politiker. Und ich glaube, wenn sie ukrainische Flaggen sehen, versuchen sie zu verstehen: Warum hat sich ein im Vergleich zur Russischen Föderation so kleines Land nicht einfach einnehmen lassen? Warum hat die Ukraine keine Angst vor der russischen Armee, die die ukrainische zahlenmäßig, was Soldaten und Waffen angeht, um ein Vielfaches übertrifft? Was bringt die Ukrainer, die traditionell nie zufrieden sind mit ihren Politikern, ihrer Korruption und ihren Oligarchen, dazu, ihr Leben für die Freiheit und Unabhängigkeit ihres Landes zu opfern?

Ich kann das gut verstehen. Weil ich Ukrainer bin. Weil ich mir nicht vorstellen kann, wie man die Meinungsfreiheit, die Freiheit des Denkens oder der Religion gegen polizeistaatliche Stabilität und sklavisches Schweigen eintauschen kann, wie es die Russen gemacht haben. Aber abgesehen davon kann ich meine Landsleute auch deswegen gut verstehen, weil die Ukrainer einen Traum haben – nicht nur eine vollkommen unabhängige und von Korruption und anderen Problemen befreite Ukraine, sondern eine europäische Ukraine, eine Ukraine als Mitglied der Europäischen Union. Russland will uns nicht nur diesen Traum wegnehmen und zerstören, Russland will diesen Traum für die, die ihn träumen, vernichten, mitsamt denen, die ihn zur Wirklichkeit machen könnten.

Ohne Unabhängigkeit deines Staates kannst du nicht frei sein

Während auf dem Gebiet europäischer und anderer Staaten also diese fremden ukrainischen Fahnen wehen, wehen in den besetzten Gebieten der Ukraine, auf der 2014 annektierten ukrainischen Krim Flaggen des Russischen Imperiums. Ich kann Ihnen versichern, dass die Ukrainer in diesen besetzten Gebieten diese Flaggen völlig anders wahrnehmen als die Europäer die ukrainischen Flaggen. Russische Flaggen auf ukrainischem Boden markieren ein Territorium, das Russland rauben will, genauso wie es bereits einen Teil der Republik Moldau und Georgiens geraubt hat. Noch vor Kurzem wehte die russische Flagge auf der ukrainischen Schlangeninsel vor der ukrainischen Küste bei Odessa. Jetzt wehen dort wieder ukrainische Fahnen. So wird es überall sein.

Die Ukraine hat de facto drei Unabhängigkeitstage. Für ein und dieselbe Unabhängigkeit. Sie heißen verschieden, bedeuten aber dasselbe. Was sagt uns das? Dass für die Ukrainer Unabhängigkeit und Freiheit das Wichtigste sind! Ohne Unabhängigkeit deines Staates kannst du nicht frei sein. Ohne deine Freiheit kann dein Staat nicht unabhängig sein.

Das Wort ‚Unabhängigkeit‘ war und ist in der Russischen Föderation fast tabu

In der Sowjetunion gab es keinen Unabhängigkeitstag. Genauso wie es im heutigen Russland keinen solchen Tag gibt. Allein das Wort „Unabhängigkeit“ war und ist in der Russischen Föderation fast tabu. Die Angst vor der Unabhängigkeit Tschetscheniens oder Tatarstans, Burjatiens oder der Republik Sacha hält die politische Elite Russlands von diesem Wort fern, von dem, was es bedeutet. Russische Politiker nehmen dieses Wort fast nie in den Mund. Daran ist nichts paradox, wenn man bedenkt, dass die Sowjetunion auf den Ruinen des Russischen Reichs entstand, das eine Vielzahl von Völkern versklavt und ihnen Unabhängigkeit und sogar Staatlichkeit entzogen hatte. 1921 nahm die Sowjetunion der Ukraine endgültig, im vierten Anlauf, die Unabhängigkeit. Den Krieg, den die Ukraine damals für ihr Recht auf einen unabhängigen Staat führte, verlor sie gegen die brutale bolschewistische Armee, die mit denselben Methoden vorging wie heute die russische Armee in der Ukraine. Erst 70 Jahre später, 1991, wurde die Unabhängigkeit der Ukraine Wirklichkeit. Damals wurde sie rechtlich verankert, doch bis zur realen Unabhängigkeit – politisch, ökonomisch, kulturell – war es noch ein weiter Weg.

Die tatsächliche Unabhängigkeit der Ukraine beginnt erst jetzt

Ich kann heute mit Sicherheit sagen, dass die tatsächliche Unabhängigkeit der Ukraine erst jetzt beginnt. Die Front für die ukrainische Unabhängigkeit zieht sich heute über fast 2000 Kilometer. Die zerstörten Städte Charkiw, Mariupol, Butscha, Hostomel, Sewerodonezk und hunderte andere Orte sind heute der Preis für die ukrainische Unabhängigkeit. Tausende tote ukrainische Soldaten und Zivilisten – auch das ist der Preis für die Unabhängigkeit.

Dieses Jahr ruft der Tag der Unabhängigkeit bei den Ukrainern keine lichten Gedanken und neuen Hoffnungen hervor, sondern Beunruhigung und Sorge. Wir wissen nicht, welche Provokationen Russland an diesem Tag gegen die Ukraine plant. Welche „Spezialoperationen“ es sich einfallen lässt, um den Ukrainern zu beweisen, dass sie kein Recht auf Unabhängigkeit haben und wieder zur Kolonie des Russischen Reiches werden müssen.

Doch ich bin mir sicher, dass die Ukraine standhält. Der diesjährige Unabhängigkeitstag ist kein Anlass für Festmähler und Massenfeiern, kein Anlass für Feuerwerke und Ehrensalven. Dieser Tag ist vor allem ein Anlass, noch einmal über die Zukunft unseres Landes und die Zukunft unserer Familien, unserer Kinder nachzudenken. Russland hätte es gern, dass die Ukrainer diesen Feiertag voller Angst in Schutzbunkern verbringen. Aber wir haben keine Angst mehr. An ihre Stelle sind Zorn und Wut getreten. Und über die Zukunft der Ukraine können wir auch in Schutzbunkern nachdenken.

Die Ukraine wird diesen Krieg überleben, genau wie sie den Holodomor, die Massendeportation der Bauern und die Verfolgung der ukrainischen Dissidenten überlebt hat. Die Ukraine wird überleben und standhalten.