dekoder | Russland entschlüsseln
Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen
Universität Hamburg
Truppenabzug 1991–1994
Die frühere Sowjetarmee verlässt Ostdeutschland

Der Truppenabzug aus Ostdeutschland

„Ich werde den Abzug nicht durchführen! Marschall Shukow begründete die Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland, die bekanntesten Heerführer bauten sie aus, aber ich, der 15. Oberbefehlshaber, löse sie auf?! Das kann ich nicht tun!“ Eben jener Oberbefehlshaber Boris Snetkow führte Anfang der 1990er Jahre noch die Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland und lehnte es ab, den Abzug der Truppen zu kommandieren. Deren Status hatte sich mit der deutschen Einigung schlagartig geändert: Fortan waren sie nicht mehr unangefochtene Besatzungsmacht nach dem Zweiten Weltkrieg, sondern nur noch geduldeter Gast auf deutschem Boden.
Snetkow überließ den Posten schließlich einem anderen, denn der Abzug war per internationaler Verträge längst beschlossene Sache: Bis 1993 sollten jährlich rund 160.000 Soldaten und Zivilangehörige Deutschland verlassen, der Rest sollte 1994 folgen. Mit kleineren Verzögerungen gelang dies termingerecht. Es war ein gigantisches Unternehmen, dessen Ausmaße noch weit größer waren, wenn man bedenkt, dass die Truppen parallel dazu auch Polen, die Tschechoslowakei und Ungarn verließen.

© Detlev Steinberg / Museum Berlin-Karlshorst

Als es losging, hofften sowohl die deutsche als auch die russische Seite auf Frieden und Partnerschaft für die Zukunft. Da es sich um eine gemeinsame Aufgabe handelte, mussten sie ihr vormaliges Feindbild hinter sich lassen und aufeinander zugehen. Am Ende gelang ihnen die größte Militäroperation in Friedenszeiten, die es je gab: Gut eine halbe Million Armeeangehörige und deren Familien der sogenannten Westgruppe der Truppen (WGT), rund 120.000 Geräte – darunter Fahrzeuge, Panzer, Flugzeuge, Hubschrauber –, außerdem rund 2,5 Millionen Tonnen sogenannter materiell-technischer Mittel, darunter mehr als 650.000 Tonnen Munition – all das wurde in die Heimat zurückverlegt.

Wobei der Begriff „Heimat“ spätestens ab dem Jahr 1992 vor allem die Russische Föderation meint. Als Rechtsnachfolger hatte sie nach dem Zerfall von Warschauer Pakt und Sowjetunion die Westgruppe übernommen. In deren Reihen dienten zu dem Zeitpunkt noch Angehörige verschiedener Ex-Sowjetrepubliken gemeinsam, die meisten aus Russland, aber auch ein Viertel Ukrainer und ein kleiner Teil Belarussen. Die nicht-russischen Offiziere mussten wählen, ob sie bleiben oder sich den jeweils neu gegründeten nationalen Streitkräften anschließen. Wie Boris Snetkows Nachfolger als Oberbefehlshaber Matwej Burlakow angab, ging ein Großteil in die russische Armee über.*

Gorbatschow und die deutsche Frage

Die Grundlage für den Abzug war für alle Welt sichtbar und nachprüfbar Artikel 4 des Zwei-plus-Vier-Vertrags vom 12. September 1990, außerdem ein bilateraler Aufenthalts- und Abzugsvertrag zwischen Deutschland und der Sowjetunion sowie ein Überleitungsabkommen.

Doch erste Weichen waren schon in der späten Sowjetunion gestellt worden: Mit Blick auf die innenpolitischen Probleme sah sich Staatschef Michail Gorbatschow angesichts steigender Kosten im Zuge von Glasnost und Perestroika zunehmend gezwungen, laut darüber nachzudenken, die großen Truppenstationierungen im Ausland zu reduzieren. Nach seiner aufsehenerregenden Rede vor der UN-Generalversammlung vom Dezember 1988, bei der er einseitig Abrüstungsschritte in Aussicht gestellt hatte, wurden aus der DDR bereits zwei sowjetische Divisionen abgezogen.
Der Fall der Mauer und die aufkommende deutsche Frage gaben solchen Gedankenspielen weiter Nahrung. Nach mehreren Verhandlungsrunden willigte Gorbatschow in den gesamten Truppenabzug ein, denn Bundeskanzler Helmut Kohl strebte klar in die Nato. Im Gegenzug sagte Bonn Milliardenzahlungen zu.

Der Plan für den Gesamtabzug wurde im Januar 1991 vorgestellt.

„Wir verabschieden uns als Freunde“

Oberbefehlshaber Burlakow veröffentlichte später ein Buch mit dem Titel Wir verabschieden uns als Freunde. Doch am Ende muss man konstatieren: Ein Abschied unter Freunden wäre herzlicher ausgefallen. Beide Seiten bemühten sich, doch die Ausgangssituation war denkbar schwierig. Völkerrechtlich stand dem geeinten Deutschland das Recht auf freie Wahl des militärischen Verteidigungsbündnisses zu. Die Entscheidung fiel ohne Diskussionen – die BRD in ihren neuen Grenzen würde auch künftig der Nato angehören. Für die Bundeswehr stand die Bündnistreue daher weiter im Vordergrund. Unbedachte freundschaftliche Gesten gegenüber Russland sollten daran keinen Zweifel aufkommen lassen. Im deutschen Verbindungskommando zur Westgruppe war  hingegen intern die Devise „Abzug in Würde“** ausgegeben worden. 

Das Verhältnis war zugleich mit Blick auf die Besatzungszeit angeschlagen. Die Berlin-Blockade 1948, der Volksaufstand vom 17. Juni und der Mauerbau 1961 – diese Daten markieren schmerzliche Momente von Machtdemonstration und -erhalt seitens der Sowjetunion.

Burlakow hatte darauf hingewirkt, gemeinsam mit den US-amerikanischen, britischen und französischen Alliierten verabschiedet zu werden. Doch die Bundespolitiker lehnten solche Pläne ab, wollten die Zeremonien lieber trennen. Zwischenzeitlich war sogar angedacht, mit der russischen Armee nach Weimar auszuweichen. Das verkannte den Stellenwert, den Berlin für sie hatte.

© Daniel Biskup

Erst auf Drängen des russischen Präsidenten Boris Jelzin wurden die gemeinsamen Abschiedsfeierlichkeiten mit Kanzler Kohl für den 31. August 1994 in die symbolträchtige Hauptstadt Berlin verlegt, darunter ans Ehrenmal im Treptower Park. Es bildet die zentrale Gedenkstätte für die sowjetische Erinnerung an die Toten der letzten großen Schlacht im Großen Vaterländischen Krieg. Gemeinsam mit der Bundeswehr legten russische Soldaten dort Kränze nieder. Für das Empfinden der russischen Seite blieb es dennoch nicht mehr als ein „Abschied zweiter Klasse“.
Tatsächlich betonte das Zeremoniell der Westalliierten eine Woche später mit dem großen Zapfenstreich vor dem Brandenburger Tor deutlich einen anderen Status: als Schutzmacht und Freunde. Die Zeremonien auf diese Weise zu trennen und in ihrer Wertigkeit zu stufen, erwies sich als vertane Chance. Mit ein wenig mehr Fingerspitzengefühl hätte der Abzug den Boden für tiefere Beziehungen zwischen Deutschland und der Nato auf der einen, und Russland auf der anderen Seite bereiten können.
Doch die Bundesregierung wollte die ehemaligen Besatzer der DDR lieber gestern als morgen außer Landes sehen. Die russische Seite hingegen betrachtete den Abzug als eine Art Vorleistung für eine neue Ordnung in Europa, die Russland als integralen Bestandteil verstehen würde.

Überwintern in Hubschraubern

Die Regierung Kohl verlagerte ihre Unterstützung auf die humanitäre Ebene und stellte Zahlungen und Kredite über rund 15,5 Milliarden DM bereit. Knapp acht Milliarden DM davon gingen an ein Wohnungsbauprogramm der Sowjetunion. Damit konnten an 43 Standorten zwar rund 46.000 Wohnungen entstehen, in der Ukraine, in Belarus und die meisten in Russland. Angesichts der Masse an abziehenden Soldaten waren das aber zu wenige. Auch die Bauarbeiten liefen nicht schnell genug. Oberbefehlshaber Burlakow versuchte, über Interviews ein Bewusstsein für das Schicksal seiner Soldaten zu schaffen. Es gab Offiziere, die teils aus gut eingerichteten Wohnungen in Deutschland zunächst aufs blanke Feld abzogen. Und die Nöte der einfachen Soldaten beschäftigten die Spitzenmilitärs in Moskau wenig: Eine Division musste unterhalb von Moskau in der Oblast Tula mangels der versprochenen Unterkünfte bei bis zu minus 40 Grad in ihren Hubschraubern überwintern. Vorwürfe wurden laut, dass ein Teil der Gelder in Korruptionskanälen versickert sei. Deutschland zeigte Verständnis für die schwierige Situation, sah sich allerdings nicht weiter in der Verantwortung und verwies auf Einhaltung seiner Zusagen.

Umwelt versus Liegenschaften

Während der fehlende Wohnraum in der russischen Öffentlichkeit eine große Rolle spielte, war auf deutscher Seite die Umweltverschmutzung an den russischen Militärstandorten in Deutschland ein zentrales Thema. Die Belastung der Böden durch Chemikalien und Altmetalle war ein gewaltiges Problem. Burlakow versuchte zwar frühzeitig, es in den Griff zu bekommen und wurde von deutscher Seite mit 200.000 Umwelthandbüchern in russischer Sprache unterstützt. Doch half es nichts, die Streitigkeiten nahmen zu, während niemand die russischen Militärgebäude, wie eigentlich erhofft, kaufen wollte: Jelzin und Kohl vereinbarten daher im Dezember 1992, dass die BRD alle Flächen übernimmt und dafür weitere 550 Millionen DM für den Wohnungsbau an Russland zahlt.
Als Gegenleistung wurde das Abzugsdatum um vier Monate vorgezogen, auf den 31. August 1994. Eine politische Entscheidung, die bei den Soldaten Unmut beförderte. Sie hatten schon den Abzugsplan von 1991 als übereilt empfunden. Trotzdem lief es weiter pragmatisch nach Plan.

„Keiner sagt: Jungs kommt bald wieder“

Militärs wie auch deutsche Politiker zeigten kaum Emotionen gegenüber den abziehenden Soldaten. „Keiner sagt: Jungs kommt bald wieder“, so überschrieb Generalmajor Hartmut Foertsch, damals Chef des  Verbindungskommandos der Bundeswehr, einen Artikel zum Abzug. Der damalige Dresdner Oberbürgermeister bemerkte zum Abschied der 1. Gardepanzerarmee, dass der Abzug „uns nicht mit Trauer erfüllt“***. Ungeachtet dessen kam es in den Stationierungsorten bei kleineren Zeremonien häufig zu herzlichen und emotionalen Szenen. Oft wollten sich Bürgermeister und Landespolitiker im Guten trennen, auch, um Perspektiven für künftige Beziehungen zu Russland offenzuhalten. Dort wartete dagegen niemand auf die Soldaten. Das Land erlebte riesige Umbrüche und steckte noch bis weit nach Rückkehr der Nachhut im September 1994 in einer tiefen Krise.


* Kowalczuk, Ilko-Sascha/Wolle, Stefan (2001): Roter Stern über Deutschland: Sowjetische Truppen in der DDR, Berlin, S. 223
** Teltschik, Horst: 329 Tage. Innenansichten der Einigung, Berlin 1996, S. 222
*** Satjukow, Silke (2008): Besatzer – „Die Russen“ in Deutschland 1945 – 1994, Göttingen, S. 13

Zum Weiterlesen:

Deutsch-Russisches Museum Berlin-Karlshorst (2019, Hrsg.): Alltag – Politik – Kampfauftrag: Sowjetische Truppen in Deutschland 1945–1994, Berlin

Bange, Oliver (2017): Sicherheit und Staat: Die Bündnis- und Militärpolitik der DDR im internationalen Kontext 1969 bis 1990, Berlin

Deutsch-Russisches Museum Berlin-Karlshorst (2016, Hrsg.): Der Abzug: Die letzten Jahre der russischen Truppen in Deutschland: Eine fotografische Dokumentation von Detlev Steinberg, Berlin

Mroß, Bernhard (2012): Sie gingen als Freunde … Der Abzug der Westgruppe der sowjetisch-russischen Truppen (1990–1994), Harrislee

Boltunov, Michail Efimovič (1995): ZGV: Gor’kaja doroga domoj, Sankt-Peterburg

Burlakow, Matwej P. (1994): Wir verabschieden uns als Freunde: Der Abzug; Aufzeichnungen des Oberkommandierenden der Westtruppe der sowjetischen Streitkräfte, Bonn

Kowalczuk, Ilko-Sascha/Wolle, Stefan (2001): Roter Stern über Deutschland: Sowjetische Truppen in der DDR, Berlin

Satjukow, Silke (2008): Besatzer – „Die Russen“ in Deutschland 1945 – 1994, Göttingen


© privat

Christoph Meißner ist seit 2014 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst und kuratierte die Ausstellungen Alltag – Politik – Kampfauftrag. Sowjetische Truppen in Deutschland 1945 –1994 sowie Der Abzug. Die letzten Jahre der russischen Truppen in Deutschland. Eine fotografische Dokumentation von Detlev Steinberg. Meißner hat in Dresden und Berlin Geschichte, Kunstgeschichte und Politikwissenschaften studiert und beschäftigt sich in seinen Forschungen mit dem Thema Aufenthalt und Abzug der sowjetischen/russischen Truppen in Deutschland.