dekoder | Russland entschlüsseln
Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen
Universität Hamburg
Truppenabzug 1991–1994
Die frühere Sowjetarmee verlässt Ostdeutschland

Im Schwebezustand

© Daniel Biskup, August 1994

Ein Truppenabzug ist nicht nur ein Abzug, sondern gleichzeitig auch eine Ankunft, ein Weg: von einem Land ins nächste. Als die vormals sowjetischen Truppen, die sogenannte Westgruppe der Truppen (WGT), vor 25 Jahren aus Ostdeutschland weggehen, existiert ihre alte Heimat jedoch nicht mehr. Zumindest nicht so, wie sie sie kannten, denn die Sowjetunion ist bereits in neue, aus den Teilrepubliken hervorgegangene Staaten zerfallen. Die Verlegung der Truppen erfolgt binnen knapp vier Jahren. Es handelt sich um die größte Rückverlegung von Truppen, die es in Friedenszeiten je gegeben hat.

© Detlev Steinberg / Museum Berlin-Karlshorst, 1994 | © Detlev Steinberg / Museum Berlin-Karlshorst, 1993

In den 1990er Jahren öffnen sich die Militärstandorte erstmals für die Blicke der Öffentlichkeit. Wohnen, Leben, Alltag – im Schwebezustand des Abzugs. Die Kasernen offenbaren dabei den nach wie vor streng geregelten Rhythmus der Soldaten, der die Disziplin aufrechterhalten sollte. Sie behalten ihren Tagesablauf bei und absolvieren ihre Trainings, wie hier eine Geschicklichkeitsübung auf dem Kasernengelände in Berlin-Karlshorst.

© Daniel Biskup, August 1994
© Detlev Steinberg / Museum Berlin-Karlshorst, Juni 1994

Bis zum Ende der DDR waren die Kasernen und die in Besitz genommenen Stadtteile der Sowjets „Horte der Fremdheit“* geblieben, exterritoriale Gebiete, zu denen die Menschen Distanz hielten – zumal den Soldaten Kontakt mit Einheimischen offiziell verboten war. Doch der Abzug auf Raten eröffnet Räume, die die Menschen hinter den Uniformen sichtbar machen: Eine Gruppe junger Leute, die gern posiert (oben). Männer mit Sekt beim Fest in der Berliner Wuhlheide (unten) zum Abschied der 6. Selbständigen motorisierten Garde-Schützenbrigade (Berlin-Brigade).

© Detlev Steinberg / Museum Berlin-Karlshorst, Juni 1992
© Detlev Steinberg / Museum Berlin-Karlshorst, ungenaue Angabe 1992/1994

War die komplette Zahl der Militärstützpunkte bis zum Ende des Kalten Krieges nicht einmal den SED-Oberen genau bekannt, so wird nur kurz nach der deutschen Einigung damit begonnen, geradezu geräuschlos die Zelte abzubrechen: In Jüterbog tragen Soldaten Sperrmüll weg. Das gesamte Kriegsgerät wird abtransportiert – oder zu Schrott verarbeitet, wie etwa in Wünsdorf, wo sich ab 1992 verschrottete Panzer türmen. Insgesamt werden über die Jahre rund 2400 Panzer abgewrackt.

© Detlev Steinberg / Museum Berlin-Karlshorst März 1992 | © Detlev Steinberg / Museum Berlin-Karlshorst, November 1992
© Detlev Steinberg / Museum Berlin-Karlshorst, März 1992

Die Militärstandorte werden ab 1991 Stück für Stück aufgegeben, jedes Jahr mehrere hundert. Der Abtransport von Kriegsgerät erfolgt zum Beispiel über den Hafen in Rostock. Die meisten Armeeangehörigen bereiten sich auf ihre Abreise per Zug vor, werden in den jeweiligen Regionen oft mit einem Zeremoniell verabschiedet. In Weimar am Güterbahnhof rücken die Soldaten bereits 1992 ab und nehmen zum Abschied Nelken entgegen.

© Detlev Steinberg / Museum Berlin-Karlshorst, November 1993
© Daniel Biskup, 31.8.1994
© Daniel Biskup, 31.8.1994

Dabei packen auch Soldaten die Koffer, deren Großväter 1945 im Kampf gegen Hitler-Deutschland Berlin erobert hatten. Es ist ein wichtiger Teil des Selbstverständnisses der abziehenden Westgruppe, nach dem Sieg im Zweiten Weltkrieg gewissermaßen die Stellung gehalten zu haben. Gedenkveranstaltungen, wie am sowjetischen Ehrenmal im Treptower Park in Berlin, sind für die Militärs von großer Bedeutung (oben). Im Treptower Park wurde im August 1994 auch der letzte Gedenk-Appell abgehalten, mit Reden von Bundeskanzler Kohl und Präsident Jelzin, unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Für junge Rekruten galt es als Ehre, daran teilzuhaben (beide Bilder unten).

© Daniel Biskup, 1.9.1994
© Daniel Biskup, 1.9.1994
© Daniel Biskup, 1.9.1994

Nach der letzten großen offiziellen Verabschiedung der Truppen am 31. August 1994 in Berlin gilt der Abzug als vertragsgemäß vollzogen. Die Berlin-Brigade steigt einen Tag nach den Feierlichkeiten als offiziell „letzte Einheit“ am Bahnhof Lichtenberg in die Züge gen Osten – wobei zu diesem Zeitpunkt noch einige tausend Soldaten der Westgruppe für ein paar Tage im Land sind, um dann endgültig zu gehen.
Die Waggons sind mit Spruchbändern geschmückt, Schriftzüge wie „Мы гордимся тобой, Россия“ (My gordimsja toboi, Rossija, dt. Wir sind stolz auf dich, Russland, erstes Bild in der Reihe) sollen den Abzug aus dem nun wiedervereinigten Deutschland nach Russland in einem würdevollen Licht erstrahlen lassen.

© Daniel Biskup, 1.9.1994

Mit der Abfahrt aus Ostdeutschland droht in der Laufbahn vieler Offiziere der Westgruppe ein Ende als angesehener, vormals gut gestellter Militär, zumal die Westgruppe in der Sowjetunion als besonders prestigeträchtig galt. Für viele bedeutet der Schritt zurück schon persönlich eine große Ungewissheit: Wo leben? Viele der angekündigten Wohnungen sind für die Rückkehrer nicht rechtzeitig fertig geworden.
Manche Soldaten werden wenig später in anderer Mission wieder unterwegs sein. Der Erste Tschetschenienkrieg zieht zu dieser Zeit in Russland bereits herauf.

© Detlev Steinberg / Museum Berlin-Karlshorst, 3.9.1994
© Detlev Steinberg / Museum Berlin-Karlshorst, 1.9.1994

Die Bahnfahrt der Berlin-Brigade dauert mehrere Tage. Zu ihrer Rückkehr werden die Soldaten am Belarussischen Bahnhof in Moskau empfangen. Menschen mit Nelken in der Hand, insbesondere Ältere, sind gekommen, darunter auch Veteranen des Großen Vaterländischen Kriegs. Über der Straße hängt ein Transparent mit der Aufschrift: „Moskau begrüßt die Kämpfer der Westgruppe“. Die Veteranen dieser Gruppe treffen sich in Russland bis heute regelmäßig.

Text und Bildrecherche: Ivonne Domanski, Svea Mumme, Maximilian Szadziewski, Elena Weyer
Fotoredaktion: Andy Heller

Die Auswahl der Fotografien von Detlev Steinberg erfolgte mit freundlicher Genehmigung des Deutsch-Russischen Museums Berlin-Karlshorst aus dem Fotoband Der Abzug: Die letzten Jahre der russischen Truppen in Deutschland, Berlin, 2016.

*Satjukow, Silke (2008): Besatzer: „Die Russen“ in Deutschland 1945–1994, Göttingen, S. 96


© Ralf Schuler

Daniel Biskup arbeitet als freier Fotograf und fotografierte in den letzten Jahren weltweit Prominente aus Politik, Kultur und Wirtschaft, darunter Wladimir Putin, Donald Trump und Angela Merkel. 1988 reiste er das erste Mal in die Sowjetunion, um die Perestroika-Zeit zu dokumentieren. Als im Sommer 1989 Flüchtlinge nach Budapest strömten, war er ebenfalls dabei. Danach hat er den Umbruch in der DDR bis zur Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 begleitet, ebenso den darauf folgenden Truppenabzug der sowjetischen, später russischen Armee aus Ostdeutschland. Fotografien von ihm befinden sich in privaten und öffentlichen Sammlungen, darunter im Russischen Museum in St. Petersburg.

© Archiv Detlev Steinberg

Detlev Steinberg ist 1944 in Breslau (Wroclaw) geboren und studierte nach einer Lehre zum Offset-Drucker Fotografie und Journalistik in Leipzig. Seit 1990 arbeitet er als freiberuflicher Fotograf. Von 1976 bis 1989 war er Fotoreporter für die Illustrierte Freie Welt. Während dieser Zeit arbeitete er fünf Jahre als Foto-Korrespondent in Moskau. Zuvor war er elf Jahre für die DDR-Nachrichtenagentur ADN-Zentralbild tätig. Er ist Mitglied des Verbandes der Kunstfotografen in Russland.