dekoder | Russland entschlüsseln
Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen
Universität Hamburg
Truppenabzug 1991–1994
Die frühere Sowjetarmee verlässt Ostdeutschland

Historische Presseschau: Der russische Truppenabzug aus Ostdeutschland

Ein historischer Tag: Am 31. August 1994 wurde mit einem offiziellen Festakt in Berlin nach 49 Jahren die Koexistenz von ehemals sowjetischen Truppen und Ostdeutschen beendet. Jenseits politisch demonstrierter Harmonie hatte sich der Abzug der rund 350.000 Militärangehörigen samt ihrer Familien aus mehr als 600 Militärbasen jedoch zwischenzeitlich als Zerreißprobe für die deutsch-russischen Beziehungen erwiesen.

Wie wurden der Umzug einiger Hunderttausend gen Osten und aufkommende Umweltfragen verhandelt? Wo kochte die Debatte hoch? War der Festakt zum Abschied der Truppen angemessen? Oder degradierte er das neue Russland zu einer Weltmacht zweiter Klasse? Und wie wurde Russlands künftige Rolle gesehen?

Zum 25. Jahrestag des Truppenabzugs bringt dekoder zusammen mit Studierenden der Universität Hamburg eine trinationale, historische Presseschau rund um die letzten Tage des Truppenabzugs im August/September 1994.

Berliner Zeitung: Abzug mit erhobenem Haupt

Der Festakt war ein großes Reizthema und wurde nach langem Hin und Her schließlich am 31. August 1994 in Berlin abgehalten – gesondert von den Westalliierten und nicht am symbolträchtigen Brandenburger Tor. Die Berliner Zeitung sieht das als tragfähigen Kompromiss:

Die Söhne und Enkel der Rotarmisten, die einst die deutsche Hauptstadt erstürmten, verschwanden nicht durch die Hintertür. Nicht als brüskierte Verlierer. Nicht als gedemütigte Vertreter einer Macht, die den Kampf der politischen Systeme verloren hat. Die verbliebenen Angehörigen der West-Gruppe konnten mit erhobenem Haupt nach Hause fliegen.
Überhäuft mit Bekundungen des Respekts, des Verständnisses und der Dankbarkeit. Und im Bewußtsein, daß die millionenfachen Opfer ihrer Kameraden und Landsleute bei der Zerschlagung der Nazi-Diktatur in Deutschland nicht vergessen sind.
[…]
Gewiß wäre den Russen eine gemeinsame Abschiedsfeier aller vier Siegermächte des Zweiten Weltkrieges lieber gewesen. Ihrem angeschlagenen Selbstwertgefühl hätte dies zweifellos gutgetan. Doch dieser Wunsch war schwer zu erfüllen.

Berliner Zeitung, 01.09.1994, Der Abzug der Russen aus Deutschland, Peter Pragal

Argumenty i Fakty: Als Sieger gekommen, als Besiegte gegangen

„Haben wir uns nicht unter Wert verkauft?“, diese Frage stellt die viel gelesene Wochenzeitschrift Argumenty i Fakty Nikolaj Ryschkow, der in Perestroika-Zeiten Vorsitzender des Ministerrates war. Nicht ohne Bitterkeit kritisiert er eine schwache Verhandlungsführung Gorbatschows sowie die Abzugsmodi:

Aber warum hat unsere Führung nicht darauf bestanden, dass die Truppen Großbritanniens, der Vereinigten Staaten und Kanadas im Westen parallel zu unseren Truppen abziehen? Ich denke, dass sie noch lange dort bleiben werden, weil es unausgesprochene politische Motive gibt, die diese Länder dazu bringen, ihre teuren Korps in der westlichen Großmacht zu erhalten.
Der Widerspruch liegt auf der Hand: Die, die gesiegt haben, sind schneller gegangen als die, die beim Sieg lediglich anwesend waren. Wir sind als Sieger gekommen und als Besiegte gegangen.

Argumenty i Fakty, 14.09.1994, Germanija s nami i bes nas

Welt am Sonntag: Gras übers Öl wachsen lassen

Mit dem Abzug der Truppen kommen verschiedene logistische Fragen auf. Die Welt am Sonntag befasst sich vor diesem Hintergrund in einer Reportage mit der Übernahme der Militärstandorte und betont die finanziellen und ökologischen Probleme durch die hinterlassenen „Altlasten“:

Bis 1990 konnten die Russen das Wort ‚Umwelt‘ nicht einmal buchstabieren. Entsprechend gingen sie in den Jahrzehnten der Besatzung und noch im Lauf des Abzuges fahrlässig an die Problematik heran. Sie jagten auf ihrem mit 230 Quadratkilometern größten Truppenübungsplatz in der Colbitz-Letzlinger Heide nördlich von Magdeburg im Zuge der Räumung einen Haufen Munition und Übungsmunition einfach in die Luft, so daß im mehr als dreißig Kilometer entfernten Stendal noch die Fensterscheiben zitterten. Der Dipl.-Bodenkundler Guido Hingst, 31, der in Rußland studiert hat und jetzt für die IABG [Industrieanlagen-Betriebsgesellschaft mbH, ein Analyse- und Testdienstleister aus Ottobrunn – dek] arbeitet, zeigt mir herumliegende Panzerhohlladungs-Granaten und Wurfgranaten – etliche noch scharf.
[…]
Die Russen pflügten im Jahr 1991 Öl auf einem Flugplatzgelände schlicht unter und säten Gras darüber. Aber die IABG-Wissenschaftler entdeckten die Vertuschung. Denn in Absprache mit den Russen hatten die Deutschen als ‚Teilprojekt A‘ der Abwicklung bereits vor der ersten Räumung Luftaufnahmen von allen Liegenschaften angefertigt. Die IABG begann zu bohren und abzutragen. ‚Der Rasen sah doch schön aus‘, sagte ein Offizier. ‚Hätten Sie ihn doch so gelassen!‘

Welt am Sonntag, 28.08.1994, Die Rote Armee hinterlässt ein furchterregendes Erbe – Umweltschäden in Höhe von 25 Mrd. DM, Jochen Kummer
Die Izvestia titelte am 31.8.1994: Russkije idut. Idut domoi (dt. Die Russen gehen. Sie gehen nach Hause) – aus dem Zeitungsarchiv der Forschungsstelle Osteuropa

Rossijskaja Gaseta: Das neue Leben beginnt in Zelten

Solche Vorwürfe, die Militärstandorte seien in schlechtem Zustand übergeben worden, weist die russische Regierungszeitung Rossijskaja Gaseta mit erstaunlich scharfen Worten zurück – und lenkt den Blick von politischen Streitfragen auf die ehemals sowjetischen Offiziere und Armeeangehörigen, deren Rückkehr oft eine Fahrt ins Ungewisse wurde:

All unsere Gebäude haben wir in einem guten oder zumindest in einem zufriedenstellenden Zustand zurückgelassen. Wie für die großzügige russische Seele üblich: kostenlos.
Hier ist berechtigterweise einzuwenden, dass auch Deutschland versprochen hat, kostenfrei 46.088 Wohnungen zu bauen, davon 34.983 in Russland. Aber erstens ist diese Zahl ein Tropfen auf den heißen Stein, […]. Und zweitens wurden bisher nur 10.828 Wohnungen für das russische Militär gebaut.
Fast täglich erreichen unsere Redaktion Briefe von wohnungslosen Offizieren, die noch vor kurzem sehr komfortabel im Ausland gelebt haben. In einem hieß es zum Beispiel, dass eine Panzerdivision […] von der Oder direkt aufs freie Feld, in das Örtchen Bogutschar, Oblast Woroneshskaja, verlegt wurde. Alle freien Zimmer in dem Ort waren umgehend weg. Diejenigen Offiziere und ihre Familien, die keinen Wohnraum fanden, leben nun in Zelten.

Rossijskaja Gaseta, 03.09.1994, Kuda dewatsja mne, soldatu?

Izvestia: Haben wir einen Schlussstrich unter den Krieg gezogen?

Einen Blick über die konkreten Fragen der Abzugspraxis hinaus wagt die Tageszeitung Izvestia. Im Text der einstigen sowjetischen Regierungszeitung, in der in den 1990er Jahren oftmals die russische Intelligenzija zu Wort kam, klingt unverkennbar das Neue Denken der sowjetischen Außenpolitik Gorbatschows nach:

Die Generation, die heute aus dem europäischen Ausland nach Hause zurückkehrt, beerbt nicht einfach die Erinnerung an all das, was sich früher zugetragen hat. Sie hat ihre eigene Rolle in der Geschichte: Es ist die Generation, die wieder nach Hause gegangen ist. Die in sich den Mut gefunden hat zu gehen. Nicht aus Angst vor fremder Macht und Gewalt: Unser nuklearer Raketenknüppel schreckt auch jetzt noch jeden ab. Sondern zu gehen, weil sie verstanden haben, dass nicht alles mit Gewalt erreicht werden kann. Haben wir einen Schlussstrich unter den Krieg gezogen?

Izvestia, 31.08.1994, Russkije idut. Idut domoi

The New York Times: Auf Wiedersehen to Berlin

Die New York Times, eine der größten, linksliberalen Zeitungen der USA, schaut nach Russland und sieht, anders als die optimistisch gestimmte Izvestia, eine latente Gefahr für den Frieden, bedingt durch die Krise der 1990er Jahre. In einem Artikel zum US-Truppenabzug vom 8. September 1994 schlägt sie daher eine Lösung à la „Wandel durch Handel“ vor:

Die Berliner wissen: Eine Verbesserung der wirtschaftlichen Aussichten für die russischen Truppen zu Hause und deren Landsleute gemeinsam mit dem restlichen Osteuropa wird für die langfristige Sicherheit mehr bewirken, als alle Kräfte, die die Nato aufbringen kann. Daher ist eine kontinuierliche Zusammenarbeit zwischen den USA und Deutschland jetzt noch zwingender, als sie es jemals während des Kalten Krieges war.
Beide Länder haben ein erhebliches Interesse daran, die Erholung des Ostens durch das Öffnen westlicher Märkte zu fördern. Beide wollen, dass sich die westliche demokratische Kultur auf den Osten überträgt.

The New York Times, 12.09.1994, Auf Wiedersehen to Berlin

Die Zeit: Russland muss sich neu definieren

Die Wochenzeitung Die Zeit bewertet die Umbrüche als Chance auf einen Neuanfang in den Beziehungen zwischen Russland und seinen europäischen Nachbarn:

Rußland gehört seit Peter dem Großen zu Europa, seit dem Siebenjährigen Krieg zur Kerngruppe der europäischen Großmächte. Das wird auch so bleiben, wenn es sich jetzt wieder auf engere Grenzen zurückgeworfen findet.
[…]
Das Land ist angeschlagen, in seiner Identität verunsichert, seiner Bestimmung ungewiß. Es muß sich neu orientieren, neu definieren, neu positionieren. Es muß die Last der Vergangenheit abwerfen, wenn der Aufbruch in die Zukunft gelingen soll; und es muß dies tun, ohne einem Versailles-Trauma zu verfallen, aus dem es sich am Ende nur durch blindwütiges Anrennen gegen die Wände der neuen Wirklichkeit zu lösen vermöchte – mit fatalen Folgen für die ganze Welt.
Europa kann auf die Dauer nicht gedeihen, wenn das schwerkranke Rußland nicht gesundet. Umgekehrt kann Rußland nicht gesunden, wenn die westliche Welt es nicht seine Sympathie spüren läßt.

Die Zeit, 02.09.1994, Jetzt erst ist der Krieg zu Ende, Theo Sommer

Prawda: Und plötzlich begann die russische Armee auf Deutsch zu singen

Das frühere sowjetische Parteiorgan der KPdSU, die Prawda, sieht in ganz anderer Hinsicht eine epochale Wende vollzogen. Symbolhaft stehe dafür das Abschiedslied der russischen Streitkräfte beim Festakt in Berlin, bei dem eine Strophe auf Deutsch vorgetragen wurde:

Das war die ultimative Blamage: Die Siegerarmee (‚die Besatzer‘, um die Lieblingsterminologie einiger unserer ‚Demokraten‘ zu benutzen) sang plötzlich in einer fremden Sprache, sang auf Deutsch los: ‚Lebe wohl, Deutschland!‘ Nicht etwa der Regimentschor, nicht das Armee-Gesangs- und Tanzensemble, sondern die Kampfeinheiten. Und es war schon sehr peinlich, dem Präsidenten Russlands zuzusehen, der angesichts dieser Schande lächelte und sich im Anschluss auch noch für sie bedankte. […]
Wir wollen ehrlich sein: Der übereifrige Gesang der Soldaten auf Deutsch diente auch als Bestattungsritual für eben jenen Friedensvertrag mit Deutschland, der unseren beiden Ländern so schwer gefallen war. Deutschland hat heute nichts, worauf es zurückblicken kann, um ernsthaft einen Anspruch auf die Rolle als Aushängeschild Europas zu erheben.

Prawda, 02.09.1994, Armija wdrug sapela po-nemezki

Neue Wernigeröder Zeitung: Kurzes Winken am Brocken – Ende der Vorstellung

Am Brocken im Harz waren die letzten russischen Transporter am 30. März 1994 abgefahren, begleitet durch Politiker, Polizei und Lokalpresse:

Tor auf. Heraus fuhr ein russischer Jeep mit dem nunmehrigen Ex-Kommandanten, dem Dolmetscher Maxim und Offizieren. Kurzes Winken, die drei Wachsoldaten sprangen auf einen blau-roten Lkw, die Dolmetscherin ins Führerhäuschen – Ende der Vorstellung. Der Blitzabschied am Tor hatte weniger als eine Minute gedauert. So richtig hatte das kaum einer gemerkt, alle hatten wohl ‚mehr Abschied‘ erwartet.

Neue Wernigeröder Zeitung, 20.04.1994, Stumme Reden nach dem Abschied, W.M.